"Rote
Hilfe tut not!"
Solidarität
mit politischen Gefangenen - einst und heute
Von Nick Brauns, München
In der Geschichte der Arbeiterbewegung kommt
dem 18.März eine besondere Bedeutung zu. Seit der gescheiterten bürgerlichen
Revolution von 1848 in Deutschland gedachten fortschrittliche Kreise den
Märzgefallenen, also jenen deutschen Patrioten und Demokraten, die im Kampf für
eine deutsche Republik im Berliner Barrikadenkampf gegen die feudale Armee ihr
Leben ließen. Seit 1871 ist der 18.März weltweit für Sozialisten ein Tag des
Gedenkens an die Pariser Kommune, die erste sozialistische Rätedemokratie der
Welt. 1923 wurde der 18.März durch die Internationale Rote Hilfe zum Tag der
politischen Gefangenen ernannt. Als
solcher wird der 18.März auch heute noch von fortschrittlichen Organisationen
begangen.
Die Gründung der Internationale Rote Hilfe
ging auf eine Initiative russischer Bolschewiki, die lange Jahre in
zaristischen Kerkern verbracht hatten, zurück. 1922 rief die Kommunistische
Internationale zur Schaffung eines solchen "politischen Roten
Kreuzes" auf. Ziel dieser Organisation sollte die materielle, moralische
und juristische Hilfe für die Opfer des revolutionären Klassenkampfes und der
nationalen Befreiungskämpfe sein. Vorsitzende der Internationalen Roten Hilfe
wurde bis zu ihrem Tod im Jahr 1933 die deutsche Kommunistin Clara Zetkin. 1932
verfügte die Internationale Rote Hilfe bereits über Sektionen in 71 Ländern mit
19 Millionen Mitgliedern. 45 Sektionen mussten zu diesem Zeitpunkt halblegal oder
illegal arbeiten. Mit über einer Millionen Mitgliedern war die Rote Hilfe
Deutschlands die stärkste Sektion der Roten Hilfe außerhalb der Sowjetunion.
München kann als Geburtsstadt der Roten Hilfe
in Deutschland angesehen werden. Hier gründeten nach der blutigen
Niederschlagung der kommunistischen Räterepublik 1919, als faschistische
Freikorps 1200 Münchner Arbeiter ermordeten und Hunderte inhaftierten, Frauen
wie die Unabhängige Sozialdemokratin Rosa Aschenbrenner die "Frauenhilfe
für politische Gefangenen". Die Frauenhilfe sammelte Gelder und
Lebensmittel zur Unterstützung von Arbeiterfamilien, die durch die Verhaftung
oder Ermordung ihres Ernährers bittere Not litten. Als nach dem kommunistischen
Aufstand in Mitteldeutschland im März 1921 eine Massenrepression gegen die
Revolutionäre einsetzte, rief der kommunistische Reichstagsabgeordnete Wilhelm
Pieck zur Gründung von Roten-Hilfe-Komitees zur Unterstützung der Opfer des
weißen Terrors auf. Auch nach den gescheiterten Hamburger Aufstand der KPD 1923
leisteten die Roten-Hilfe-Komitees juristische, materielle und moralische Hilfe
für Gefangene oder Untergetauchte und ihre Familien. Ende 1924 wurde die Rote
Hilfe Deutschlands (RHD) als offiziell von der KPD unabhängige zentralisierte
Mitgliederorganisation gegründet.
Obwohl eindeutig kommunistisch gelenkt -
Vorsitzender war der spätere Präsident der DDR Wilhelm Pieck - war der Anspruch
der RHD überparteilich. Das äußerte sich in der Mitgliedschaft, die neben
Kommunisten auch einige Anarchisten, Sozialdemokraten, Linksliberale und vor
allem Parteilose umfaßte. Unterstützt wurden proletarische politische Gefangene
ungeachtet ihrer Parteizugehörigkeit. So organisierte die RHD Massenkampagnen
für die Freilassung des anarchistischen Dichters Erich Mühsam, des Linkskommunisten
Max Hoelz, des von den Nazis zu den Kommunisten übergewechselten
Reichswehrleutnants Richard Scheringers und des Bauernführers Claus Heim.
Anfang der 30er Jahre unterstützte die Rote Hilfe auch Dutzende von
sozialdemokratischen Reichsbannerarbeitern, die nach Kämpfen mit der SA
angeklagt wurden und von der SPD keine Hilfe erhielten.
Die RHD organisierte Rechtsberatungsstellen,
stellte Anwälten für politische Prozesse und führte breite Kampagnen für eine
Generalamnestie für alle proletarischen politischen Gefangenen. Ein Bestseller
war die von Professor Felix Halle verfasste Broschüre "Wie verteidigt sich
der Proletarier vor Gericht" - ein Vorläufer der heute auch auf deutsch
und türkisch von der Roten Hilfe tausendfach verteilten Rechtshilfebroschüre
"Was tun wenn es brennt".
Ein illegaler Apparat der Roten Hilfe
beschaffte falsche Pässe und leistete Fluchthilfe in die Sowjetunion für
Revolutionäre, denen langjährige Haftstrafen drohten. Die Mörder des
Nazi-Führers Horst Wessel wurden so außer Landes gebracht. Politischen
Emigranten aus anderen Ländern, so den vielen italienische Antifaschisten,
beschaffte die Rote Hilfe nach Möglichkeit Unterkunft und Arbeitsmöglichkeiten
in Deutschland. Mit Hilfe der KPD-Reichstagsfraktion stritt die Rote Hilfe für
ein uneingeschränktes Recht auf Asyl.
In großangelegten Winterhilfskampagnen wurden
bei Arbeiterfamilien, in den Fabriken und bei kleinen Ladenbesitzern und
Kleinbauern Geld und Lebensmittel für die Familien der politischen Gefangenen
gesammelt. Die Rote Hilfe unterhielt in Worpswede und Elgersburg zwei
Kinderheime als Erholungsstätten für die Kinder politischer Gefangener und im
Klassenkampf gefallener Arbeiter.
Die Juristen der Roten Hilfe engagierten sich
auch für eine Reform des noch aus der Kaiserzeit stammenden Strafgesetzbuches
und des Strafvollzuges nach demokratischen und sozialistischen Grundsätzen. In
diesem Zusammenhang beteiligte sich die Rote Hilfe auch an Kampagnen gegen das
Verbot der Abtreibung durch den § 218.
Der kommunistische Landtagsabgeordnete Gustav
Menzel erhielt von den proletarischen politischen Gefangenen den Ehrennamen
"der Zuchthausonkel". Menzel besuchte die Gefangenen in den
Haftanstalten, beschwerte sich bei den Gefängnisdirektoren über das schlechte
Essen und andere Schikanen und klärte die Öffentlichkeit über die barbarischen
Zustände in den Gefängnissen auf. Häufig waren die Gefängniswärter ehemalige
Soldaten, die Gefangene mit Knüppeln und sogar blanken Säbeln quälten. Mit
Hungerstreiks setzten sich die politischen Gefangenen mehrfach erfolgreich für
eine Verbesserung des Strafvollzugs ein. Diese Hungerstreiks wurden von der
Presse der KPD und durch kommunistische Politiker in den Parlamenten im ganzen
Land bekannt gemacht und unterstützt.
Bei ihren Kampagnen wurde die RHD von
bekannten Persönlichkeiten wie dem Physiknobelpreisträger Albert Einstein, der
Malerin Käthe Kollwitz oder den Schriftstellern Heinrich und Thomas Mann
unterstützt. Kurt Tucholsky gehörte dem Vorstand der RHD an. Mit der
pazifistischen Liga für Menschenrechte arbeitete die RHD eng zusammen.
Im Rahmen der Internationalen Roten Hilfe
leitete die RHD in Deutschland umfangreiche Kampagnen gegen den weißen Terror
in Mussolinis Italien, den faschistisch regierten Balkanländern, Polen und dem
Baltikum, gegen die Massaker an chinesischen Revolutionären und die Lynchjustiz
an Afroamerikanern in den USA. Massencharakter hatte vor allem 1926 und 1927
die Kampagne gegen die Hinrichtung der Anarchisten Sacco und Vanzetti in den
USA. Bei dieser weltweiten Kampagne sammelten die Rote Hilfe weltweit Millionen
von Unterschriften, organisierte Kundgebungen und Demonstrationen und schickte
Delegationen von Arbeitern und Intellektuellen zu den amerikanischen
Konsulaten. In den Tagen vor und nach der Hinrichtung der beiden Anarchisten
gab es Streiks und Straßenschlachten gegen die Polizei in Berlin, Hamburg,
Dresden und anderen deutschen Städten.
Während Sacco und Vanzetti für einen
Raubmord, den sie erwiesenermaßen nicht begangen hatten, hingerichtet wurden,
gelang es der Roten Hilfe, die Hinrichtung des sozialdemokratischen
Abgeordneten Mathias Rakosi in Ungarn und des kommunistischen Politikers
Stanislaus Lanzuzki in Polen zu verhindern. Aufgrund der internationalen
Kampagnen wurden die Todesurteile in langjährige Haftstrafen umgewandelt.
Der Erfolg der Roten Hilfe beruhte auf einer
unsektiererischen Bündnispolitik, der es gelang, neben Kommunisten auch
Sozialdemokraten und bürgerliche Demokraten einzubeziehen. Dabei verband die
Rote Hilfe den außerparlamentarischen Massenkampf mit parlamentarischen
Initiativen der KPD. Durch breitgefächerte Kampfmittel, die von einer
Unterschriftensammlung bis zum Streik richten, konnten große Massen von
Menschen in die Aktivitäten eingebunden werden. Die stärkste Unterstützung kam
immer von der organisierten Arbeiterschaft, während die Proteste bürgerlicher
Kreise häufig nur symbolisch blieben. Das Engagement bekannter Persönlichkeiten
aus Wissenschaft und Kunst für die Rote Hilfe bot allerdings einen gewissen
Schutz vor den regelmäßigen Polizeiübergriffen gegen die Rote Hilfe.
1928/29 machte sich die Stalinisierung der
KPD auch in der Roten Hilfe bemerkbar. Langjährige führende Funktionären, die
einer Oppositionsströmung innerhalb der KPD um den ehemaligen Parteivorsitzenden
Heinrich Brandler nahe standen, darunter der RHD-Generalsekretär Jacob Schlör,
wurden trotz der Proteste Clara Zetkins aus der Roten Hilfe ausgeschlossen. Durch diese
Verletzung ihrer Überparteilichkeit verlor die Rote Hilfe die Sympathien vieler prominenter Unterstützer
wie dem Kunstmaler Heinrich Vogeler. Die Rote Hilfe wurde nun zum reinen
Instrument der KPD-Führung unter Ernst Thälmann. Die SPD wurde in
sektiererischer Weise als "sozialfaschistisch" bezeichnet und eine
Aktionseinheit mit SPD-Arbeitern äußerst erschwert. Die von der KPD-Führung
betriebene Spaltung der Roten Hilfe hatte 1929 eine tiefe Krise der
Organisation hervorgerufen.
Doch in der Zeit der Weltwirtschaftskrise mit
einer Verschärfung der innenpolitischen Situation, antidemokratischen
Sondergesetzen und täglichen Naziüberfällen auf antifaschistische Arbeiter
wuchs die RHD wieder zu einer Massenorganisation mit über einer Millionen
Einzel- und Kollektivmitgliedern an. Damit wurde die Rote Hilfe zur - neben den
Gewerkschaften - stärksten proletarischen Organisation.
Prozesse gegen antifaschistische Arbeiter
wurden von Demonstrationen vor den Gerichten begleitet. Im Gerichtssaal sangen
Arbeiterjugendliche die "Internationale". Auch einige Anwälte der
Roten Hilfe grüßten damals die Angeklagten mit der geballten Faust. Durch diese
Verteidigungsstrategie, die das Schicksal der Angeklagten nicht mehr nur den
Anwälten anvertrauten, sondern auch ihren Genossen aus der Arbeiterschaft,
gelang es 1932 - am Vorabend des Faschismus! -
noch, sechs Arbeiter, denen die Todesstrafe drohte, freizukämpfen. Den
Berliner Jungkommunisten wurde im sogenannten Röntgenstrassenprozess
vorgeworfen, bei einer Auseinandersetzung mit der SA einen Faschisten getötet
zu haben, der in Wirklichkeit von seinen eigenen Kumpanen erschossen wurde. Zu
diesem Zeitpunkt waren in den Kerkern der "demokratischen" Weimarer
Republik bereits über 6000 revolutionäre Arbeiter eingekerkert.
Nach der Machtübernahme der NSDAP 1933 wurde
die Rote Hilfe wie alle Organisationen der Arbeiterbewegung verboten und
zerschlagen. Führende Funktionären wie der Berliner RHD-Vorsitzende Erich
Steinfurth und der anarchistische Rechtsanwalt Hans Litten wurden von den Nazis
ermordet. Andere, wie Professor Felix Halle fielen im sowjetischen Exil dem
Stalinismus zum Opfer.
Dennoch gelang es der Roten Hilfe, sich im
Untergrund zu reorganisieren und aktiven Widerstand gegen die NS-Diktatur zu
leisten. Zum Teil griff die RHD dabei zur Taktik des "Trojanischen
Pferdes", indem sie Organisationen der NS-Wohlfahrt unterwanderten und
dort für die Familien der politischen Gefangenen sammelten. Trotz des Terrors
im eigenen Land sammelten die deutschen Roten Helfer in der Illegalität Gelder
zur Unterstützung der Internationalen Brigaden gegen den Franco-Faschismus in
Spanien.
Nach der Hinwendung der KPD zur
Volksfronttaktik 1935 wurde die Rote Hilfe das wichtigste Instrument zum
Bündnis mit Sozialdemokraten. Aufgrund von Beschlüssen der SPD-Führung im Exil
wurde die Zusammenarbeit mit der KPD offiziell abgelehnt. Für Sozialdemokraten,
die eine antifaschistische Einheitsfront mit Kommunisten suchten, ohne sich der
Weisungen ihrer Exilführung zu widersetzen, bot sich die formal unabhängige
Rote Hilfe als Partner an.
Die Losung der Roten Hilfe lautete nun
"Freiheit für Thälmann, Mierendorff und Ossietzky". Ernst Thälmann
war der Vorsitzende der KPD, Carlo Mierendorff ein Sozialdemokrat und Carl von
Ossietzky der berühmteste bürgerliche Intellektuelle der Weimarer Republik. Mit
der Auswahl dieser drei prominenten Gefangenen unterschiedlicher politischer
Richtung, warb die Rote Hilfe für das Bündnis aller antifaschistischen Kräfte
gegen Hitler. Thälmann wurde von den Faschisten im KZ Buchenwald ermordet,
Ossietzky in den Selbstmord gezwungen und Mierendorff fiel nach seiner
Freilassung einem Luftangriff zum Opfer.
In der zweiten Hälfte der 30er Jahre löste
sich die durch Massenverhaftungen stark dezimierte Rote Hilfe in breitere
Hilfsorganisationen für die Opfer des Faschismus auf, der neben Kommunisten
auch Sozialdemokraten und Christen angehörten.
Als in der Bundesrepublik Deutschland die
Repression gegen linke und linksradikale Bewegungen im Gefolge der
Studentenbewegung von 1968 und der Außerparlamentarischen Opposition (APO)
zunahm, wurde der Rote-Hilfe-Gedanke wieder aktuell. Im Umfeld der APO und
verschiedener maoistischer Parteien entstanden Anfang der 70er Jahre Rote- und
Schwarze Hilfekomitees, die sich vor allem um die Gefangenen aus
Stadtguerillaorganisationen wie der RAF kümmerten. 1975 gründete die KPD-ML
eine bundesweit organisierte Rote Hilfe Deutschlands, die sich als eine Schutz-
und Solidaritätsorganisation für die verschiedenen außerparlamentarischen
Bewegungen wie den Hausbesetzern und der Anti-Atom-Bewegung verstand. Gemäß der
Theorie der KPD-ML setzte sich die RHD auch für politische Gefangene in der
angeblich "sozialfaschistischen" DDR ein. Nachdem die KPD-ML Ende der
70er Jahre an Mitgliedern und Einfluss verlor und in den 80er Jahren die
Autonomen zur dominierenden linksradikalen Kraft wurden, wurde die nur noch 600
Mitglieder starke RHD auf einer Bundesdelegiertenkonferenz 1986 in die heutige
völlig parteiunabhängige Rote Hilfe e.V. umgewandelt. Inzwischen hat die Rote
Hilfe wieder einige Tausend Mitglieder in ganz Deutschland. Ihr gehören
Mitglieder aus einer Vielzahl linker Strömungen wie der PDS, der DKP,
Trotzkisten, Anarchisten und Autonomen an. Rechtshilfe und finanzielle
Unterstützung leistete die Rote Hilfe e.V. in den letzten Jahren vor allem
aktiven Antifaschisten, die immer häufiger zu Opfern staatlicher Repression
wurden, sowie Antimilitaristen, die gegen Kriegseinsätze der Bundeswehr
protestierten und deshalb vor Gericht gezerrt wurden.
Als nach dem PKK-Verbot eine Vielzahl
Kurdinnen und Kurden mit Prozessen überzogen und inhaftiert wurden, gründete
die Rote Hilfe zusammen mit der Föderation kurdischer Vereine YekKom den
Rechtshilfefonds Azadi.
Beim Kampf für das Leben und die Freiheit
politischer Gefangener wie Mumia Abu Jamal, und Abdullah Öcalan sowie zur
Unterstützung hungerstreikender Gefangener in der Türkei oder in Lateinamerika
können wir auf die wertvollen Erfahrungen der Internationalen Roten Hilfe der
20er und 30er Jahre zurückgreifen.
Rote Hilfe tut not!
Kontakt zur Roten Hilfe e.V.
Rote Hilfe Bundesgeschäftstelle
Postfach 3255
37022 Göttingen