"Programmfragen
sind Machtfragen"
Überlegungen
zur Programmdebatte in der PDS
(ein Artikel, den die Mitteilungen der KPF aus nicht genannten Gründen nicht abdrucken wollten)
Es gibt die bekannte Anekdote vom
Parteisekretär der SPD, Ignatz Auer, er einmal auf einem Parteitag mit Eduard
Bernstein aneinandergeraten war. "Eduard, Du Esel! So etwas schreibt
man nicht. Man macht es einfach!" beklagte der dem rechten Parteiflügel
zugehörende Auer, nachdem der Parteitag gerade mehrheitlich Bernsteins Buch
"Die Aufgaben der Sozialdemokratie" pro forma verdammt hatte.
Es war tatsächlich nicht Bernsteins Buch,
sondern die reformistische Tagespolitik einer zunehmenden Anzahl von
sozialdemokratischen Mandatsträgern, Gewerkschaftsführer,
Genossenschaftsleitern, Vereinsvorsitzenden und Kneipenwirten die in der
Gesellschaft des Kaiserreichs "angekommen" waren, die den Verrat vom
4.August 1914 und den Verrat der Revolution von 1918/19 vorbereitete. Eduard
Bernstein, Kurt Eisner und andere Theoretiker des Revisionismus standen dagegen
in der Praxis während des Krieges auf der Seite der Kriegsgegner in der
Unabhängigen-SPD. Erst weitere Jahrzehnte der Klassenkollaboration mußten ins
Land gehen, bis die Partei auch theoretisch reif für das Godesberger Programm
war.
"Mein Gott Gregor, so etwas schreibt man
doch nicht, so etwas macht man einfach stillschweigend", mag auch mancher
ostdeutsche PDS-Mandatsträger in Mecklenburg-Vorpommern oder Sachsen-Anhalt
gedacht haben, als Gysi seine "modernen Thesen" auf den Mark warf.
Woher
kommt der Revisionismus in der PDS?
Gysi und die seinen produzieren ihr
postmodernes Gewäsch nicht im luftleeren Raum. Sie stützen sich auf tatsächlich
vorhandene Kräfte - sowohl in der Partei, als auch in der Gesellschaft. In der
Partei ist es jene Gruppe von Funktions- und Mandatsträgern, deren
gesellschaftliches und soziales Überleben an die Partei gekettet ist. Mit dem
im bundesrepublikanischen Maßstäben gemessenen "Manko" einer
alleinigen Ausbildung an einer M-L-Kaderschmiede der SED oder als Pionierleiterin
weisen sie keine Qualifikation für den Arbeitsmarkt des "neuen"
Deutschland auf. Ohne ihren Posten in einem Kommunal- oder Landesparlament,
oder einer Mitarbeiter- oder Referentenstelle in der Partei droht ihnen bei der
verheerenden Arbeitsmarktlage vor allem in Ostdeutschland der Sturz ins Nichts.
Daß eine solche berechtigte Angst bürokratisches Bewußtsein mit dem Zwang zur
Anpassung, zum "Ankommen", zum Überbordwerfen bisherigen
"ideologischen Ballastes" mit sich bringt, ist verständlich. Daß
diese Genossen sich und die PDS so auf Dauer erst recht überflüssig machen, ist
die Tragik der Geschichte und die Schwäche der Moderne-Sozialisten.
Weiterhin stützen sich die "modernen
Sozialisten" auf eine zunehmende Schicht von ostdeutschen
Kleinunternehmern und Selbstständigen, die in der PDS zurecht die einzige
antimonopolistische Kraft erkennen, die zudem glaubwürdig ostdeutsche
Interessen vertritt. Jedoch bestimmt letztlich auch bei Kleinunternehmern das
gesellschaftliche Sein das Bewußtsein. Und eine gemeinsame Gegnerschaft zum
Monopol- und Finanzkapital schließt eine Verschärfung des Gegensatzes zwischen
Arbeit und Kapital im eigenen Betrieb nicht aus. Je mehr die PDS unter den
ostdeutschen Kleinunternehmern ein stützendes Klientel entwickelt, desto mehr wird
sie auch zur Anpassung an deren Bedürfnisse, Wünsche und letztlich deren
Ideologien gedrängt. Auch hier können Gysi & Co auf eine tatsächlich
vorhandene gesellschaftliche Strömung, auf ein Klientel für ihre
programmatischen Überlegungen verweisen. Neben der sich entwickelnden
Parteibürokratie und dem Mittelstand haben die "modernen Sozialisten"
noch eine gewaltige Macht auf ihrer Seite, die sie zum Teil unbewußt in ihren
Bann zieht: das Kapital und seine antikommunistische Monopolpresse. Von Focus
bis BZ steht die bürgerliche Presse bereit, jederzeit die neuesten
Entschuldigungen, Programmrevisionen, Distanzierungen etc. zu verbreiten und
die Parteimitgliedschaft, die all das erst einige Tage später im Neuen
Deutschland lesen darf, vor vollendete Tatsachen zu stellen. Da bleibt auch das
Lob von der falschen (?) Seite nicht aus. In seiner Ausgabe vom 15.12.99 lobte
das großbürgerliche Handelsblatt die PDS. "Die Thesen der
Programmkommisson zeigen, daß sich die SED-Nachfolger mit der bundesrepublikanischen
Wirklichkeit zumindestens ein wenig angefreundet haben." Und weiter:
"Inzwischen erkennen die Reformer unter den Sozialisten ausdrücklich an,
dass die kapitalistische Konkurrenz zu "ständiger Innovation" führt
und die Arbeitsproduktivität steigert."
Die Mehrheit der Programmkommission kann sich
mit ihrer Sozialismuskonzeption, die so irrational ist, wie das Kleinbürgertum
und das Bürgertum im Spätkapitalismus eben sind, durchaus auf mehrere
gesellschaftliche Schichten als Träger dieser Moderne-Ideologie stützen. Dazu
haben die Moderne-Sozialisten auch noch den Vorteil der strukturellen Macht in
der Partei. Sie sitzen im Vorstand, sie kontrollieren einen Großteil der
Parteimedien, sie haben die hauptamtlichen bezahlten Kräfte zur Ausarbeitung
ihrer Thesen.
Die
strategische Defensive der Linken in der PDS
Die marxistische Linke in der PDS hat sich in
eine strategische Defensive drängen lassen. Dabei sprechen alle Umfragen dafür,
daß die Minderheit in der Programmkommission in Wirklichkeit die moral maiority
in der Mitgliedschaft ist. Doch es ist der Parteilinken bis heute nicht
gelungen, diese Mehrheit mit ihrer Ablehnung des "modernen
Sozialismus" tatsächlich für sich ins Felde zu führen. Hieran trägt sie
sogar eine Mitschuld, hat sie doch den Lassalle´schen Grundsatz, wonach
Verfassungs- respektive Programmfragen immer vor allem Machtfragen sind,
ignoriert. Zum einen wäre es notwendig, in wesentlich organisierterer Form
gegen die Revision des Parteiprogramms zu kämpfen, als bisher. KPF und
Marxistisches Forum müssen beweisen, daß es uns ernst ist mit der Verteidigung
des Marxismus. Die Mehrheit der Programmkommission wird sich nicht mit guten
Ratschlägen überzeugen lassen, da sie schon lange den Boden des
wissenschaftlichen Wettstreits - zumindestens auf Grundlage des Marxismus -
verlassen haben. Worauf diese Genossinnen und Genossen noch hören, ist die
Macht des Faktischen, ist eine Gegenmacht in der Partei und Gesellschaft. Wenn
wir aus der Defensive herauskommen wollen, müssen wir uns dazu gesellschaftlicher
Kräfte bedienen und entsprechende Allianzen schließen. Als Marxisten sehen wir
in der Arbeiterklasse den Träger des historischen Fortschrittes und im
Klassenkampf den Motor der Geschichte. Wenn auch kein Genosse der KPF dieser
Erkenntnis widersprechen mag, so zeigt allein die Lektüre der letzten Jahrgänge
der "Mitteilungen der KPF", daß der Klassenkampf hier nur in seiner
ideologischen Form einen Widerhall findet. Es mag der sozialen Zusammensetzung
der KPF und überhaupt der ostdeutschen PDS geschuldet sein, daß gerade die
ökonomischen und politischen Kämpfe der Klasse kaum Eingang in unsere Presse
finden. Ich möchte lieber nicht zählen, wie selten das Wort "Betrieb"
oder Gewerkschaft" bei uns eine Rolle spielte. Doch wenn es uns Marxisten
nicht gelingt, den wissenschaftlichen Sozialismus wieder mit der
Arbeiterbewegung zu verbinden, wird unsere Defensive in unserem Untergang
enden.
Die
Notwendigkeit eines Aktionsprogrammes für die PDS
Notwendig wäre heute in der PDS vor allem der
Kampf um ein Aktionsprogramm. Oft werde ich auf der Arbeit oder in der Uni
darauf angesprochen, was die PDS eigentlich will. Im Bundestagswahlkampf konnte
ich als Direktkandidat dieser Partei Interessierten zumindestens ein
Wahlprogramm in die Hand drücken, daß neben allerlei ideologisch zweifelhaftem
Nebel vor allem eine Vielzahl sehr unterstützenswerter Forderungen enthalten
hat. Die Stärke unserer bisherigen Wahlprogramme - auch der schlechtesten -
liegt in ihrer Klarheit. Das Gewäsch der Programmkommission oder der Gysi-Thesen
lebt dagegen von Unverständlichkeit, postmoderner Beliebigkeit und vor allem
Unverbindlichkeit. Nur durch klar formulierte Ziele - dazu gehören
Tageslosungen ebenso, wie Reformen, die schon in ihrer Konsequenz an die
Grenzen des Systems gehen, als auch Übergangslosungen, die den Rahmen des
Kapitalismus in Frage stellen, werden wir in den Augen unserer Anhänger
überprüfbar. Wir hätten mit einem Aktionsprogramm ein Werkzeug in der Hand, mit
dem wir im Betrieb, in der Universität, im Stadtviertel mobilisierend und
organisierend auftreten könnten. Klar formulierte Aktionslosungen wären das
Gegenteil von einem Programm der parlamentarischen Beliebigkeit, weil sie sich
letztlich auf die direkte Aktion der Betroffenen stützen müssten und Erfolge
oder Niederlagen meßbar machen. In den Augen einiger Bürokraten in der PDS mag
so etwas natürlich unheimlich erscheinen.
Ein Aktionsprogramm kann natürlich nicht am
grünen Tisch im Liebknecht-Haus oder der Luxemburg-Stiftung entstehen, sondern
muß sich schon in seiner Entstehung auf die tatsächlich vorhandenen Initiativen
und Bewegungen im Landes stützen, als da unter anderem wären: die
Gewerkschaften und die Arbeitsloseninitiativen, antifaschistische Gruppen und
die Bewegung für die Rechte der Emigranten, die Anti-Atom-Bewegung und die
Frauenbewegung, die Studenten- und Schülerbewegung, die Friedensbewegung
etc.
In all diesem Bewegungen werden von den
Kämpfenden selbst Forderungen aufgestellt, die in ein Aktionsprogramm
einfließen könnten. Wichtig bei diesen Aktionslosungen ist, daß sie an den
unmittelbaren Bedürfnissen, Interessen und laufenden Kämpfen der Menschen
anknüpfen, aber einen Weg in eine andere Gesellschaft weisen. Vom linken Flügel
der Gewerkschaften und der Arbeitslosenbewegung wird seit langem die Forderung
nach Einführung der 32 Stunden Woche bei vollem Lohnausgleich und ohne Erhöhung
der Arbeitsdichte erhoben. Diese Forderung tauchte auch immer wieder in
PDS-Wahlprogrammen auf, wenn auch versucht wurde, die "volle
Lohnfortzahlung" einzuschränken. Eine derartige Losung könnte mit der
weitergehenden, aber nachvollziehbaren Losung "Weitere
Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohnausgleich - solange, bis alle Arbeit haben", ergänzt werden. In ihrer
Konsequenz hat diese Forderung, die breiten Kreisen in den Gewerkschaften
gerechtfertigt erscheint, schon systemsprengenden Charakter.
Wo sich tatsächliche Kämpfe um eine solche
Forderung entwickeln, wird es zu betrieblichen Auseinandersetzungen kommen. Zentral müßte für die PDS hier die
Losung "Weg mit dem Betriebsverfassungsgesetz!" sein, daß den
Klassenkampf durch die Hintertür verbieten will. Auch die Forderung nach
"Öffnung der Betriebsbücher für Arbeitervertreter" war nicht nur bei
der Holzmann-Pleite aktuell und stellt zugleich das Privateigentum und die
daraus abgeleitete Unternehmermacht in Frage. Die Forderung nach
Verstaatlichung der Großbanken und Konzerne würde sich am Ende eines solchen
Aktionsprogramms logisch anschließen. In den Städten bietet sich als Losung die
Forderung nach "Nulltarif im Personennahverkehr" an. Sowohl von der
Studentenbewegung, wie auch von Arbeitslosen wird die Forderung nach einer
sozialen Grundsicherung von DM 1500,- plus Miete erhoben.
Es gäbe genug Ansatzpunkte für ein
Aktionsprogramm, daß sich auf die tatsächlich vorhandenen Kämpfe der
Arbeiterklasse und der neuen sozialen Bewegungen stützten kann. Wenn die PDS
als sozialistische Partei überleben will und wenn wir marxistische Inhalte
erfolgreich in der Partei verteidigen wollen, ist ein Bündnis mit diesen
Bewegungen unerläßlich. Auch die Mehrheit der Programmkommission gibt dies in
ihren Thesen zu. Und in einem Beitrag im Neuen Deutschland dachte Micha Brie
selber die Frage an, ob nicht statt einem neuen Parteiprogramm ein
"Strategiepapier für die nächsten 10 Jahre" ausreichen würde. In
diese Lücke sollten wir Marxisten schlagen. Denn nur gestützt auf
gesellschaftliche Kräfte, die sich auch materiell formieren, können wir die
Revision des Parteiprogramms, der schon lange eine Revision des sozialistischen
Charakters in vielen praktischen Einzelfällen voranging, zurückdrehen.
Genossinnen und Genossen, denkt daran:
Programmfragen sind Machtfragen - in der Partei und in der Gesellschaft.
Kämpfen wir endlich darum!
Nick Brauns
Mitglied im Landessprecherrat der KPF Bayern