Zum 120.Geburtstag von Leo Trotzki

(aus Was Tun Nr.17, Nov./Dez. 1999)



Am 81.Jahrestag der Oktoberrevolution, am 7.November 99 jährte sich zum 120. Mal der Geburtstag eines ihrer wichtigsten Teilnehmer.

Trotzki, der mit bürgerlichem Namen Leo Davidowitsch Bronstein hieß, wurde am 7.November 1879 im russischen Cherson als Sohn einer jüdischen Bauernfamilie geboren. Schon als Schüler wurde er politisch aktiv. Aus der Verbannung in Sibirien gelingt ihm die Flucht. Als Decknamen benutzt Bronstein seit 1902 den Namen eines seiner Gefängniswärter: Trotzki.

Nach einer Phase der Zusammenarbeit mit Lenin überwerfen sich die beiden Revolutionäre an der Frage nach einer straffen Kaderorganisation von Berufsrevolutionären. Trotzki warnte damals, in einer solchen Partei könnte eines Tages eine Diktatur des Zentralkomitees, des Politibüros und am Ende eines einzelnen Mannes herrschen. Seine Kritik am Organisationsmodell der Bolschewiki korrigierte Trotzki allerdings 1917.

Während der Revolution von 1905 in Russland wird Trotzki zum Vorsitzenden des Petersburger Sowjets gewählt, des ersten Versuchs der russischen Arbeiterklasse, ihre Geschicke in die eigene Hand zu nehmen. Abermals wird Trotzki von der zaristischen Justiz inhaftiert. Wieder in Freiheit arbeitet er in Wien als Balkankorrespondent für verschiedene sozialistische Zeitungen. Seine Analysen der Balkankriege sind gerade angesichts der Ereignisse um Kosova von extremer Aktualität. Trotzkis damalige Forderung "Der Balkan gehört den Balkanvölkern" und nach einer sozialistischen Balkanföderation bleiben aktuelle Lösungsansätze.

Schon vor der Oktoberrevolution hatten Lenin und Trotzki ihre bisherigen Differenzen begraben und Trotzkis Anhänger traten den Bolschewiki bei. Trotzki wird neben Lenin zum führenden Kopf der Oktoberrevolution. Als Vorsitzender des Petrograder Sowjets und Chef des Militärischen Revolutionskomitees organisiert er den Aufstand gegen die bürgerliche Kerenski-Regierung, die den Krieg gegen Deutschland weiterführen wollte. Eine Zeitlang ist Trotzki Anführer der russischen Verhandlungsdelegation um einen Separatfrieden mit den Deutschen in Brest Litowsk.

 


Gründer der roten Armee

 

Als Volkskommissar für Militärwesen gründet Trotzki die Roten Armee, die er von seinem Panzerzug aus während des Krieges siegreich gegen die konterrevolutionären Verbände der Weißen und die Interventionen der Westmächte und ihrer Verbündeten führte. 1921 leitet er auch die Niederschlagung des antibolschewistischen Aufstandes in Kronstadt, der die Gefahr einer imperialistischen Invasion in Petrograd in sich barg.

In seinem sogenannten Testament, dem "Brief an den Parteitag" bezeichnet Lenin Trotzki als den fähigsten Mann im Zentralkomitee. Er kritisiert allerdings einen übermäßigen Hang zu administrativen Maßnahmen bei ihm. Der schon todkranke Lenin schlägt Trotzki einen politischen Block gegen Stalin vor.

Nach Lenins Tod unterliegt Trotzki der Stalinfraktion. Während Trotzki nur in einer Ausweitung der Revolution auf die europäischen Industriestaaten bei gleichzeitiger Industrialisierung Rußlands eine Chance sieht, den Sozialismus in Rußland zu verteidigen und die Rückständigkeiten des Agrarlandes zu überwinden, verkündet Stalin die unmarxistische These vom Aufbau des "Sozialismus in einem Land". Bedingt durch die Mangelwirtschaft in dem von Feinden eingekreisten, rückständigen Land konnte unter Führung Stalins in Rußland eine Bürokratie entstehen, die die direkte Demokratie in den Arbeitersowjets abwürgte. Die Linke Opposition um Trotzki kämpfte für eine Rückkehr zur Sowjetdemokratie, doch sie unterlagen der Stalin-Bürokratie. Trotzki, Sinowjew und Kamenew werden 1927 aus der Partei ausgeschlossen. 1928 wird Trotzki nach Kasachstan verbannt und ein Jahr später aus der UDSSR ausgewiesen.

 

Der verbannte Revolutionär

 

Von seinem Exil auf der türkischen Insel Prinkipo verfolgt er genaustens die Ereignisse in Deutschland. Scharf kritisiert er die ultralinke Linie der Thälmann-KPD, die in der SPD ihren Hauptfeind sieht. Nur eine Einheitsfront der beiden Arbeiterparteien hätte die Nazis stoppen können, so Trotzki.

Dem Exil in der Türkei folgt das Exil in Frankreich und später Mexiko. 1930 erscheint Trotzkis theoretische Schrift "Die Permanente Revolution". Hier zeigt er am Vorbild der russischen Revolution, wie in rückständigen Ländern nur unter Führung der Arbeiterklasse sowohl die bürgerlich-demokratische, als auch die sozialistische Revolution in Permanenz erkämpft werden müsse, weil die einheimische Bourgoisie zu schwach für eine eigenständige national-revolutionäre Rolle sei. Die Erfahrungen in Jugoslawien, China und Cuba, wo Revolutionen letztlich in Permanenz bis zur Zerschlagung des Kapitalismus geführt wurden gaben ihm Recht.

In seinem Werk "Die Verratene Revolution" analysiert Trotzki 1936 die Sowjetunion als eine degenerierten Arbeiterstaat, in dem eine priviligierte bürokratische Kaste die Macht in den Händen halte. Diese Bürokratie würde den Sozialismus erwürgen und langfristig

 

 

wieder zum Kapitalismus zurückführen, wenn sie nicht durch eine politische Revolution der Arbeiterklasse gestützt würde. Der Zusammenbruch der sozialistischen Staaten 1989 bestätigten letztlich diese bis heute unübertroffene Analyse der Sowjetunion zu Stalins Zeit.

 

 

 

IV.Internationale

 

Aus der kampflosen Kapitulation der KPD vor dem Nationalsozialismus 1933 zog Trotzki den Schluß, daß die Kommunistische Internationale aufgehört habe, eine revolutionäre Kraft zu sein. Seine Anhänger gründen 1938 die IV.Internationale um die marxistische Theorie von den Verfälschungen von Stalinismus und Sozialdemokratie zu retten. Nur in wenigen Ländern konnte die IV.Internationale Massenparteien aufbauen, doch der Einfluß trotzkistischer Parteien spielte in vielen Klassenkämpfen weltweit eine Rolle. Zuletzt gelang es zwei trotzkistischen Parteien in Frankreich, bei der Europawahl die 5% Hürde zu überspringen und Abgeordnete ins Europäische Parlament zu schicken, wo sie zusammen mit der PDS und anderen Parteien in der Fraktion der Europäischen Linken sitzen.

Am 28.August 1940 gelang es einem Agenten Stalins, Trotzki in seinem zur Festung ausgebauten Haus in Mexiko mit einem Eispickel zu ermorden.

Nach Jahrzehnten der Verfälschungen und Verteufelungen von Trotzkis Werk ist es höchste Zeit, seine Erkenntnisse für heutige marxistische Bewegung zu nutzen.

"Die jetzige Krise der menschlichen Kultur ist eine Krise der proletarischen Führung" hatte Trotzki im "Übergangsprogramm" der IV.Internationale erklärt. Auch diese Aussage ist bis heute aktuell geblieben.

 

Nick Brauns

 

 

Der machtlose Prophet -

Trotzkis Warnungen vor dem Nationalsozialismus

 

"Neulich ein "Porträt des Nationalsozialismus", das ist wirklich eine Meisterleistung. Da stand alles, aber auch alles drin. Unbegreiflich, wie das einer schreiben kann, der nicht in Deutschland lebt", lobte Kurt Tucholsky die Faschismusanalyse Trotzkis vom Juni 1933.

 

Aufmerksam hatte der russische Revolutionär Leo Trotzki die deutschen Ereignisse von seinem Exil im türkischen Prinkipo beobachtet, wohin ihn Stalin verbannt hatte.

Deutschland stellte für Trotzki den Schlüssel zur internationalen Lage da. Entsprechend große Verantwortung gab der Politik der deutschen Kommunisten. Die kampflose Niederlage der deutschen Arbeiterklasse vor der faschistischen Machtübernahme am 30.Januar 1933 war für ihn der "4.August" der Kommunistischen Internationale. Für seine Anhänger bedeutete dies, sich nicht mehr als "Linke Opposition" von KPD und Komintern zu verstehen, sondern eigenständig an den Aufbau neuer kommunistischer Parteien und einer IV.Internationale zu gehen.

Die KPD hätte nach Trotzkis Auffassung die Macht gehabt, eine tatsächliche antifaschistische Einheitsfront zu schaffen: "Den subjektiven Faktor stellt für uns die Kommunistische Partei dar, denn die Sozialdemokratie ist ein objektives Hindernis, das man hinwegräumen muß." Doch das Thälmannsche Zentralkomitee brandmarkte die SPD als "sozialfaschistisch" und bekämpfte sie als den Hauptfeind. Stalin hatte die Losung ausgegeben: "Sozialdemokratie und Faschismus - das sind keine Antipoden, sondern Zwillinge".

Wenn die KPD-Führung von Einheitsfront sprach, wendete sie sich nur an die sozialdemokratische Arbeiterbasis, nicht aber an deren Führung und verschreckte auch diese Arbeiter mit ultra-linker Phrasiologie als Eintrittshürde in Organisationen wie der Antifaschistische Aktion. Trotzki kritisierte diese "Einheitsfront von unten", da sie nur Arbeiter erreichte, die schon mit einem Bein bei den Kommunisten stehen. "Getrennt marschieren, vereint schlagen! Sich nur darüber verständigen, wie zu schlagen, wen zu schlagen und wann zu schlagen. Darüber kann man mit dem Teufel selbst sich verständigen, mit seiner Großmutter und sogar mit Noske und Grzesinski. Unter der einen Bedingung sich nicht die eigenen Hände zu binden!", dies war Trotzkis Vorschlag für die kommunistischen Arbeiter in Deutschland.

Den sozialdemokratischen Führern, so reaktionär sie auch waren, mußte man die Einheitsfront aufzuzwingen. Denn eine faschistische Diktatur würde auch die sozialdemokratischen Organisationen vernichten. "Die Kommunistische Partei muß zur Verteidigung jener materiellen und geistigen Positionen aufrufen, die das Proletariat in Deutschland bereits errungen hat. ... Der kommunistische Arbeiter muß zum sozialdemokratischen Arbeiter sagen: "Die Politik unserer Parteien ist unversöhnliche; doch wenn die Faschisten heute Nacht kommen werden, um die Räume deiner Organisation zu zerstören, so werde ich mir der Waffe in der Hand dir zu Hilfe kommen. Versprichst du, dass du, wenn die Gefahr meine Organisation bedrohen wird, ebenfalls zu Hilfe kommen wirst?""

Aber das Aufrechterhalten der Sozialfaschismus-These ermöglichte es den sozialdemokratischen Führern, sich weiterhin vor einer Einheitsfront zu drücken, obwohl diese an der Basis vielerorts aus praktischer Notwendigkeit zustande kam. Erst nach Errichtung der NS-Diktatur korrigierte die Komintern ihren Kurs. In einem Aufruf "An die Arbeiter aller Länder" vom 5.März 1933 forderte das EKKI die Einheitsfront auf allen Ebenen und in allen Ländern. Mit der Brüsseler Konferenz 1935 verurteilte die Führung der KPD endgültig jegliches Sektierertum gegenüber Sozialdemokraten.

Neben Georgi Dimitroff und August Thalheimer zählen Trotzkis Analysen zu den Grundlagen marxistischer Faschismus-Theorien. Daß der Faschismus an der Macht die Diktatur der reaktionärsten Kreise des Finanzkapitals bedeutet, teilt er mit Dimitroff. Für den Aufstieg der faschistischen Bewegung steht für Trotzki dagegen dessen kleinbürgerlicher Charakter im Vordergrund: "Der Faschismus ist ein besonderes Mittel, das Kleinbürgertum im sozialen Interesse des Finanzkapitals politisch zu mobilisieren und zu organisieren." Diese kleinbürgerliche Massenbasis des Faschismus ist für Trotzki auch der entscheidende Unterschied zu einer Militärdiktatur. Daher lehnte er es ab, die Präsidialregimes unter Brüning, Papen und Schleicher schon faschistisch zu nennen, wie es die KPD tat. So wurde vor den echten Faschisten abgelenkt. Und nur der Hitlerfaschismus verfügte über eine ausreichende militante Massenbasis, die über die tatsächliche Macht verfügten, die Organisationen der Arbeiterklasse physisch zu vernichten und zu atomisieren. Voraussetzung hierfür war allerdings die falsche Politik der Führungen von KPD und SPD, die die Arbeiterklasse im entscheidenden Moment gespalten und verwirrt ließ. Dies, und nicht ein eliminatorischer Antisemitismus des deutschen Volkes wie es Daniel Goldhagen, Jürgen Elsässer und andere gerne behaupten, war die Ursache für den Sieg des Faschismus in Deutschland.

 

Nick Brauns

 

 

 

Leo Trotzki: Porträt des National­sozialismus

Arbeiterpresseverlag Essen 1999

397 Seiten, broschiert, DM 32,-