Das folgende Flugblatt ist eine gemeinsame
Stellungnahme der Gruppe Arbeitermacht, der deutschen Sektion der
Internationalen Trotzkistischen Opposition sowie der
Anarchisten/Rätekommunisten München. Es wurde am 29.Juni 2002 auf einer
Solidaritätsdemonstration mit dem palästinensischen Volk in München verteilt.
Die genannten Gruppen gehörten zu den Kundgebungsrednern und marschierten
zusammen mit anderen deutschen und arabischen linken Organisationen unter einem
gemeinsamem Transparent mit der Losung „Für ein säkulares, sozialistisches und
multiethnisches Palästina“.
Warum
wir für ein sozialistisches, säkulares
multiethnisches
Palästina eintreten
Die palästinensische Intifada befindet sich vom militärischen Kräfteverhältnis aus gesehen derzeit in einer fast aussichtslosen Lage. Diese Lage konnte erst durch die Politik der PLO unter der Führung von Jassir Arafat entstehen. Die Wurzeln der zweiten Intifada liegen in seiner verhängnisvollen Unterzeichnung der Grundsatzerklärung von Oslo 1993 und deren Folgeabkommen (Kairo 1994.) Mit der Annahme dieser Bedingungen verzichtete die PLO auf 78% des angestammten Landes, das 1948 von den Zionisten erobert wurde. Zur Verhandlung blieb übrig Ost-Jerusalem, die West Bank und der Gaza-Streifen. Darüber hinaus stimmte Arafat der Legitimation Israels zu, Teile der West Bank und des Gaza-Streifens zu besetzen, was einer Legitimation neuer israelischer Siedlungen und deren wirtschaftlicher und militärischer Absicherung gleichkommt. Dieses Osloer Abkommen legte den Grundstein für eine palästinensische „Selbstverwaltung“ in Gebieten, die von der israelischen Armee umzingelt sind und keine geografische Verbindung miteinander haben. Sie sollen in absoluter politischer und wirtschaftlicher Abhängigkeit Israels gehalten werden und sind der klassische Ausdruck eines Apartheid-Regimes. Die Kollaboration Arafats mit der herrschenden Klasse Israels und den dahinter stehenden kapitalistischen Großmächten (USA, EU) hat die heutige katastrophale Lage heraufbeschworen.
Politik der PLO -
Ursache für Stärkung der
Islamisten
Nach Oslo ging Israel immer dreister in den
„Autonomie“-Gebieten vor. Das Siedlungsprogramm wurde mächtig intensiviert, die
Vertreibung palästinensischer Bauern nahm enorme Ausmaße an, die
Arbeitslosigkeit vervielfachte sich. Im September 1993 gab es etwa 115.000
jüdische SiedlerInnen in der West Bank und im Gaza-Streifen. 7 Jahre später
hatte sich ihre Zahl auf über 200.000 erhöht. Die 145 Siedlungen und ihre
benachbarten Territorien bedecken nun große Teile der West Bank. Große Teile
der ärmsten des palästinensischen Volkes – ArbeiterInnen, Bauern und
Kleingewerbe treibende – wandten sich von der PLO-Führung ab, fühlten sich im
Stich gelassen. Daraus hat sich der Nährboden für den islamischen
Fundamentalismus herausgebildet. Er hat sich eine Massenbasis schaffen können.
Arafats Politik diente ausschließlich der palästinensischen Bourgeoisie, sowie
den herrschenden Klassen anderer arabischer Staaten. Die Bourgeoisie erhoffte
sich durch ihre politische Unterordnung gegenüber Israel den Frieden, den sie
für die Ausdehnung von Produktion und Handel benötigt. Billige Arbeitskräfte
sind ja in großen Mengen vorhanden. Unter diesem Gesichtspunkt konnte sich
Arafat auf eine Zwei-Staaten-Lösung einlassen.
Ist die PFLP eine Alternative?
Die PFLP (Volksfront zur Befreiung Palästinas) bezeichnet
sich als marxistische Organisation, deren Politik genau verfolgt werden muss.
Sie hat zwar das Osloer Abkommen abgelehnt, ist aber weiterhin im Klassen übergreifenden
Bündnis PLO geblieben. Nachdem Arafat offen gezeigt hat, dass er die nationale
Frage nicht lösen wird, hat die PFLP es versäumt, die PLO zu verlassen. Sie
hält weiterhin an der Illusion fest, dass zunächst unter Führung der
palästinensischen Bourgeoisie die nationale Befreiung vollzogen werden müsse,
erst danach stehe die Entwicklung zur sozialistischen Revolution auf der
Tagesordnung. Mit dieser zwiespältigen Politik konnte die PFLP die Massen der
enttäuschten ArbeiterInnen und Bauern nicht erreichen und hat sie dem Einfluss
der reaktionären islamischen Fundamentalisten überlassen.
Befreiung Palästinas -
Kein Vertrauen in die
Bourgeoisie!
Wir stellen fest: die nationale
Frage in Palästina ist untrennbar verbunden mit der sozialen Frage. Für die
palästinensischen Massen, die in tiefster Armut leben müssen, ist eine
Zwei-Staaten-Lösung die Fortschreibung ihrer heutigen katastrophalen Lage. Die
Massenarbeitslosigkeit wird fortbestehen, die zionistischen Siedlungen bleiben
bestehen, das Rückkehrrecht für palästinensische Flüchtlinge wird es nicht
geben, die armen Bauern werden weiterhin vom Wasser abgeschnitten sein. Die
verarmten Massen müssen sich die Verbündeten suchen, die an der Lösung der
nationalen und sozialen Frage wirklich interessiert sind. Das sind in erster
Linie die ArbeiterInnen, die im Staat Israel leben, sei es arabischer oder
jüdischer Herkunft. Das sind darüber hinaus die verarmten Massen der
angrenzenden arabischen Staaten: Libanon, Ägypten, Jordanien, Syrien, die
ebenfalls noch offene Rechnungen gegenüber diesen Regimes haben. Arafat kann
und will die nationale Frage in Palästina nicht lösen, weil eine wirkliche
Mobilisierung der Massen die soziale Frage nicht ausklammern wird. Die
palästinensische Bourgeoisie, wie auch die herrschenden Cliquen in den
arabischen Staaten suchen einen Ausgleich mit Israel und dem Weltimperialismus,
damit ihre eigene Herrschaft erhalten bleibt.
Die Lösung der nationalen Frage in Palästina fällt den
ArbeiterInnen und armen Bauern zu, über ethnische Grenzen hinweg! Die Lösung
der nationalen Frage kann überhaupt nur erfolgen, indem die Arbeiterklasse im
Bündnis mit den Bauern die Führung im Kampf übernimmt, d.h. die Führung der PLO
entreißt, die Methoden des Terrors der Fundamentalisten zurückweist und durch
ihre unabhängige Klassenpolitik die soziale Revolution in Palästina einleitet.
Voraussetzung dafür ist die Zerschlagung des politischen, polizeilichen und
militärischen Staatsapparats des zionistisch-bürgerlichen Israels. Löst die
Arbeiterklasse die nationale Frage in Palästina, haben die Räte auch die Macht,
die soziale Frage zu lösen. Sie wird nicht die herrschende Klasse Israels
stürzen, um die politische Macht der verräterischen palästinensischen
Bourgeoisie zu übergeben.
Die nationale Befreiung des palästinensischen Volkes
muss unter den bestehenden Bedingungen mit der sozialistischen Revolution
zusammenfallen!
Nur eine sozialistische weltliche Republik für ganz
Palästina, die allen gleiche Rechte gewährt und niemanden privilegiert, kann
dem Gebiet Frieden und Gerechtigkeit bringen, denn ohne Gerechtigkeit kann es
keinen Frieden geben. Grundvoraussetzung dafür muss die Einheit der jüdischen
und arabischen ArbeiterInnen und der Kleinbauern, die Vergesellschaftung von
Grund und Boden sowie die Enteignung des Großkapitals und des Finanzwesens
sein.
Alle fortschrittlichen antizionistischen Kräfte
müssen die PalästinenserInnen und die Intifada entlang der folgenden
Perspektive unterstützen:
• Vertreibt die israelische Armee aus den besetzten
Gebieten! Vertreibt die zionistischen Siedler, die Vorposten der zionistischen
Expansionspolitik! Es kann keine Selbstbestimmung für die Palästinenser geben,
solange sie gegen deren Willen das Land besetzen. Öffnung der Grenzen zwischen
der West Bank und Israel, keine Einschränkungen der Bewegungsfreiheit.
Sofortige Freilassung aller politischen Gefangenen und Beseitigung aller
repressiven und diskriminierenden Gesetze!
• Nein zur neuen saudi-arabischen 'Friedensinitiative'! Die
Arabische Liga hat die Palästinenser immer wieder mit leeren Versprechungen
hingehalten, statt etwas gegen die zionistischen Schlächter zu unternehmen. In
ganz Nahost müssen die Massen ihre Regierungen bekämpfen, die den Verrat an den
Palästinensern mit zu verantworten haben!
• Ablehnung der Abkommen von Oslo und Wye! Keine Rückkehr
zum 'Friedensprozess'! Für das Rückkehrrecht aller PalästinenserInnen in ihre
Heimat und auf ihren Besitz. Nieder mit dem rassistischen zionistischen Rückkehrgesetz!
• Sofortiger Aufbau von Widerstandskomitees in den Lagern,
Dörfern und Betrieben gegen die Besatzung! Formierung von Massenmilizen zur
Selbstverteidigung! Echte Waffen als Ersatz für Steine! Verbreiterung der
Intifada im Kampf gegen alle Aspekte der nationalen Unterdrückung und
Überausbeutung! Die Autonomiebehörde muss die Zusammenarbeit mit der
israelischen Armee und alle Kontakte zu ihr abbrechen!
• Für bedingungslose und sofortige Hilfeleistungen der
benachbarten arabischen Staaten für die Intifada! Für unverzügliche Beschaffung
wirksamer Waffen zur Bekämpfung von Panzern und Hubschraubern! Ölhahn zu für
Israel und USA! Abbruch des Handels und aller diplomatischen Beziehungen mit
Israel!
• Stoppt alle Waffenlieferungen und andere militärische
Unterstützung an den zionistischen Staat! Für einen Boykott des Transports von
Waren von und nach Israel! Kämpft in den Gewerkschaften für eine Mobilisierung
und die Unterstützung des palästinensischen Widerstands. Die Gewerkschaften
müssen klar gegen die zionistische Politik Israels Stellung beziehen!
Sofortiger Beginn einer Unterschriftensammlung unter den Mitgliedern!
• Nein zu allen Formen des Antisemitismus! Nein zu den
Angriffen auf Synagogen!
• Im Fall eines weiteren israelischen Vorstoßes gegen
die PalästinenserInnen zur ethnischen Säuberung noch größerer Gebiete verlangen
wir von den arabischen Staaten nicht nur das Abdrehen des Ölhahns für den
Westen, sondern auch die Mobilisierung der Bevölkerung der angrenzenden Staaten
und die Bereitstellung von Waffen und Freiwilligen für die besetzten Gebiete,
um den PalästinenserInnen zu helfen.
• Bruch mit der Klassen übergreifenden Allianz der PLO;
für eine Organisierung der palästinensischen ArbeiterInnen auf unabhängiger
Grundlage! Für eine revolutionäre Organisierung der palästinensischen und
jüdischen ArbeiterInnen, die für die Zerschlagung des zionistischen Staates und
die Errichtung eines weltlichen, multi-ethnischen, sozialistischen Palästinas
eintritt.
Der einzige Ausweg aus der jahrzehntelangen Spirale
von Unterdrückung und Krieg ist die soziale Revolution, der Sturz aller
bürgerlichen Regierungen der Region und die Erschaffung einer Sozialistischen
Föderation im Nahen Osten.
Gruppe
Arbeitermacht
Deutsche
Sektion der Internationalen Trotzkistischen Opposition
Anarchisten/Rätekommunisten
München