Den
folgenden Artikel schrieb Leo Trotzki im November 1911 für die österreichische
sozialistische Wochenzeitung „Der Kampf“. Damals waren in einigen Gruppen der
radikalisierten österreichischen Arbeiterschaft terroristische Strömungen
entstanden, denen Trotzki auf Aufforderung des führenden
österreichischen Sozialisten Friedrich Adler eine marxistische Haltung
entgegenstellte. (Red. Unser
Wort)
Unsere
Klassenfeinde pflegen sich über unseren Terrorismus zu beklagen. Was sie damit
meinen, ist ziemlich unklar. Gern würden sie alle Aktivitäten des Proletariats,
die gegen die Interessen des Klassenfeindes gerichtet sind, als Terrorismus
abstempeln. In ihren Augen ist der Streik das Hauptmittel des Terrorismus. Die
Drohung mit Streik, die Organisation von Streikposten, der ökonomische Boykott
eines Sklaventreibers, der moralische Boykott eines Verräters aus unseren
eigenen Reihen – dies alles und noch viel mehr nennen sie Terrorismus. Wenn
Terrorismus verstanden wird als jede Aktion, die den Feind mit Schrecken erfüllt
und ihm schadet, dann ist der gesamte Klassenkampf natürlich nichts anderes als
Terrorismus. Und die einzige Frage bleibt, ob die bürgerlichen Politiker das
Recht haben, Kübelweise moralische Entrüstung über den proletarischen
Terrorismus auszugießen, wenn ihr ganzer Staatsapparat mit seinen Gesetzen,
seiner Polizei, seiner Armee nichts anderes als ein Apparat für kapitalistischen
Terror ist!
Doch wenn sie
uns Terrorismus vorwerfen, versuchen sie – wenngleich nicht immer bewusst –
diesem Wort eine engere, bestimmtere Bedeutung zu geben. Die Beschädigung von
Maschinen durch Arbeiter beispielsweise ist Terrorismus in diesem strengen Sinne
des Wortes. Die Tötung eines Unternehmers, die Drohung, eine Fabrik anzustecken,
die Bedrohung eines Besitzers mit dem Tod, ein Mordversuch mit dem Revolver in
der Hand an einen Minister: all dies sind terroristische Akte im eigentlichen
Sinn. Trotzdem: jeder, der eine Vorstellung von der wahren Natur der
internationalen Sozialdemokratie(1) hat, sollte wissen, dass sie immer diese Art
von Terrorismus bekämpft hat, und zwar auf die unversöhnlichste Weise. Warum?
"Terrorisieren" mit der Drohung eines Streiks, oder tatsächlich einen Streik
führen, ist etwas, das nur Industrie- oder Landarbeiter können. Die soziale
Bedeutung eines Streiks hängt erstens direkt ab von der Größe des Betriebes oder
der Industriebranche, die er in Mitleidenschaft zieht; und zweitens, inwieweit
die Arbeiter, die sich daran beteiligen, organisiert, diszipliniert und bereit
zum Handeln sind. Dieses gilt sowohl für den politischen als auch für den
ökonomischen Streik.
Er bleibt die
Kampfmethode, die direkt aus der schöpferischen Rolle des Proletariats in der
modernen Gesellschaft herrührt.
Um sich zu
entwickeln, braucht das kapitalistische System einen parlamentarischen Überbau.
Aber weil es das moderne Proletariat nicht in ein politisches Ghetto sperren
kann, muss es früher oder später den Arbeitern erlauben, sich am Parlament zu
beteiligen. In den Wahlen drückt sich der Massencharakter des Proletariats und
sein Grad an politischer Entwicklung aus – Eigenschaften, die wiederum bestimmt
sind von seiner sozialen, d.h. vor allem von seiner produktiven Rolle.
Wie in einem
Streik, so hängt auch in Wahlen Methode, Ziel und Ergebnis des Kampfes immer von
der sozialen Rolle und Stärke des Proletariats als Klasse ab.
Nur die Arbeiter
können einen Streik durchführen. Handwerker, die von der Fabrik ruiniert sind,
Kleinbauern, denen die Fabrik das Wasser vergiftet oder Lumpenproletarier auf
der Suche nach Beute, können Maschinen zerschlagen, eine Fabrik in Brand setzen
oder ihren Besitzer ermorden.
Nur die bewusste
und organisierte Arbeiterklasse kann eine starke Vertretung in die
Parlamentsgebäude schicken, um für die proletarischen Interessen einzutreten. Um
jedoch einen prominenten Staatsdiener zu ermorden, braucht man nicht die
organisierten Massen hinter sich zu haben. Die Rezepte für Sprengstoffe sind
allen zugänglich, und einen Browning kann man überall bekommen.
Im ersten Fall
ist es ein sozialer Kampf, dessen Methoden und Mittel notwendigerweise aus der
Natur der herrschenden sozialen Ordnung herrühren; im zweiten eine rein
mechanische Reaktion, die überall gleich ist – in China wie in Frankreich – sehr
auffällig in ihrer äußeren Form (Mord, Explosion usw.), aber vollkommen harmlos,
was den Bestand der sozialen Ordnung angeht.
Ein Streik, sogar von mäßigem Umfang, hat soziale Konsequenzen: Stärkung des Selbstvertrauens der Arbeiter, Anwachsen der Gewerkschaften, und nicht selten sogar ein Fortschritt in der Produktionstechnik. Der Mord an einem Fabrikbesitzer bewirkt nur Folgen polizeilicher Natur, oder einen Wechsel der Besitzer, völlig ohne jede soziale Bedeutung. Ob ein terroristischer Anschlag, sogar ein "erfolgreicher", die herrschende Klasse in Verwirrung stürzt, hängt von den konkreten politischen Umständen ab. In jedem Fall kann die Verwirrung nur kurzlebig sein; der kapitalistische Staat selbst stützt sich nicht auf Minister und kann nicht mit ihnen beseitigt werden. Die Klassen, denen er nützt, werden immer neue Leute finden; der Mechanismus bleibt intakt und funktioniert weiter.
Aber die
Verwirrung, die in die Reihen der arbeitenden Massen durch einen terroristischen
Anschlag getragen wird, ist viel tiefer. Wenn es ausreicht, sich mit einer
Pistole zu bewaffnen, um sein Ziel zu verwirklichen, warum dann die
Anstrengungen des Klassenkampfes? Wenn ein bisschen Schießpulver und ein Klumpen
Blei ausreicht, dem Feind ins Genick zu schießen, welche Notwendigkeit besteht
dann für eine Klassenorganisation? Wenn es sinnvoll ist, eine hochgestellte
Persönlichkeit mit dem Lärm von Explosionen zu erschrecken, wo bleibt dann die
Notwendigkeit einer Partei? Warum Versammlungen, Massenagitation und Wahlen,
wenn man so leicht von der Galerie des Parlaments auf die Ministerbank zielen
kann?
Eben deswegen
ist individueller Terror in unseren Augen unzulässig: denn er schmälert die
Rolle der Massen in ihrem eigenen Bewusstsein, denn er söhnt sie mit ihrer
eigenen Machtlosigkeit aus und richtet ihre Augen und Hoffnungen auf einen
großen Rächer und Befreier, der eines Tages kommen wird und seine Mission
vollendet. Die anarchistischen Propheten der "Propaganda der Tat" können soviel
sie wollen über den fördernden und stimulierenden Einfluss von terroristischen
Akten auf die Massen reden. Theoretische Überlegungen und politische Erfahrung
zeigt anderes. Je "effektiver" Terrorakte sind, je größer ihre Auswirkung ist,
desto mehr verringern sie das Interesse der Massen an Selbstorganisation und
Selbsterziehung.
Aber der Rauch
einer Explosion verzieht sich, die Panik verschwindet, der Nachfolger des
ermordeten Ministers tritt in Erscheinung, das Leben verläuft wieder im alten
Trott, das Rad der kapitalistischen Ausbeutung dreht sich wie zuvor; nur die
Unterdrückung durch die Polizei wird grausamer und dreister. Und als Ergebnis
kommen anstatt der erweckten Hoffnungen und der künstlich angestachelten
Erregung Desillusion und Apathie.
Die
Anstrengungen der Reaktion, Streiks und der massenhaften Bewegung der Arbeiter
ein Ende zu setzen, haben immer und überall mit einem Misserfolg gesendet. Die
kapitalistische Gesellschaft braucht ein aktives, bewegliches und intelligentes
Proletariat; sie kann deshalb nicht für sehr lange dem Proletariat Hände und
Füße binden. Andererseits hat die anarchistische "Propaganda der Tat" jedesmal
gezeigt, dass der Staat viel reicher an physischen Zerstörungsmitteln und
technischen Unterdrückungsmitteln ist als die anarchistischen Gruppen.
Wenn das so ist, was ist dann
mit der Revolution? Ist sie bei diesem Stand der Dinge unmöglich? Keineswegs.
Denn die Revolution ist nicht eine einfache Summe von mechanischen Mitteln. Die
Revolution kann nur aus der Verschärfung des Klassenkampfes erwachsen, und eine
Garantie für den Sieg kann sie nur in den sozialen Funktionen des Proletariats
finden. Der politische Massenstreik, der bewaffnete Aufstand, die Eroberung der
Staatsmacht – all dies wird bestimmt vom Grad der Entwicklung der Produktion,
der Gruppierung der Klassenkämpfe, der sozialen Bedeutung des Proletariats und
schließlich von der sozialen Zusammensetzung der Armee, seit die Streitkräfte in
Zeiten der Revolution der Faktor sind, der das Schicksal der Staatsmacht
bestimmt.
Die
Sozialdemokratie ist realistisch genug, der Revolution, die sich aus der
bestehenden historischen Lage entwickelt, nicht auszuweichen; im Gegenteil, sie
strebt die Revolution mit vollem Bewusstsein an. Aber – im Gegensatz zu den
Anarchisten und im direkten Kampf gegen sie – lehnt die Sozialdemokratie alle
Methoden und Mittel ab, die zum Ziel haben, künstlich die Entwicklung der
Gesellschaft voranzutreiben und chemische Präparate an die Stelle der
ungenügenden revolutionären Stärke des Proletariats zu setzen.
Bevor er auf die
Stufe einer Methode des politischen Kampfes gehoben wird, tritt der Terrorismus
in Form von individuellen Racheakten in Erscheinung. So war es in Russland, dem
klassischen Land des Terrorismus. Das Auspeitschen von politischen Gefangenen
veranlasste Vera Sassulitsch,(2) das allgemeine Gefühl der Empörung durch die
Ermordung von General Trepov auszudrücken. Ihr Beispiel wurde nachgeahmt in den
Kreisen der revolutionären Intelligenzija, denen jegliche Massenunterstützung
fehlte. Was als ein Akt unbedachter Rache begann, entwickelte sich 1879-1881 zu
einem ganzen System. Die Ausbrüche anarchistischer Mordanschläge in Westeuropa
und Nordamerika folgten immer, wenn die Regierung eine Gräueltat begangen hatte
– Erschießung von Streikenden oder Hinrichtungen politischer Gegner. Die
wichtigste psychologische Quelle des Terrorismus ist immer das Gefühl der Rache
auf der Suche nach einem Ventil.
Es ist nicht
notwendig, darauf herumzureiten, dass die Sozialdemokratie nichts gemein hat mit
diesen gekauften und bezahlten Moralisten, die als Antwort auf jeden
terroristischen Akt feierliche Deklamationen über den "absoluten Wert" des
menschlichen Lebens abgeben. Das sind dieselben Leute, die bei anderer
Gelegenheit im Namen von anderen absoluten Werten – z.b. der Ehre der Nation
oder dem Ansehen der Monarchie – bereit sind, Millionen von Menschen in die
Hölle des Krieges zu schicken.
Heute ist ihr
nationaler Held der Minister, der den Befehl gibt, auf unbewaffnete Arbeiter zu
schießen – im Namen des allerheiligsten Rechtes auf privates Eigentum; und
morgen, wenn die verzweifelte Hand eines Arbeitslosen sich zur Faust ballt oder
eine Waffe aufnimmt, reden sie allen möglichen Unsinn über die Unzulässigkeit
jeglicher Gewalt.
Was die Eunuchen
und Pharisäer der Moral auch immer sagen mögen, das Rachegefühl besteht zu
Recht. Es ist das höchste moralische Verdienst der Arbeiterklasse, dass sie
nicht mit untätiger Gleichgültigkeit auf das schaut, was in dieser besten aller
möglichen Welten vor sich geht. Nicht die unerfüllten Rachegefühle des
Proletariats zu ersticken, sondern sie im Gegenteil anzustacheln, zu vertiefen
und sie gegen die wahren Ursachen aller Ungerechtigkeit und menschlicher
Niedertracht zu richten – das ist die Aufgabe der Sozialdemokratie.
Wenn wir uns
terroristischen Akten widersetzen, so nur deshalb, weil individuelle Rache uns
nicht zufrieden stellt. Die Rechnung, die wir mit dem kapitalistischen System zu
begleichen haben, ist zu umfangreich, um sie einigen Beamten, genannt Minister,
zu überreichen. Lernen zu sehen, dass all die Verbrechen gegen die
Menschlichkeit, alle Beleidigungen, denen der menschliche Körper und Geist
ausgesetzt sind, entstellte Auswüchse und Äußerungen der bestehenden sozialen
Ordnung sind, um unsere ganze Kraft auf einen gemeinsamen Kampf gegen dieses
System zu richten, – das ist die Richtung, in der der brennende Wunsch nach
Rache seine höchste moralische Befriedigung finden kann.
1 Trotzki schrieb
diesen Artikel vor der großen Spaltung der sozialistischen Partei in
Revolutionäre und Reformisten im August 1914 und meinte, in Übereinstimmung mit
anderen Revolutionären dieser Zeit, wie Lenin und Luxemburg, mit
"Sozialdemokratie" die revolutionäre marxistische Bewegung.
2
Am 24.1.1878 erschoss V.S. den Petersburger Polizeichef General Trepov, der das
Schlagen eines politischen Gefangenen befohlen hatte, weil dieser seine Mütze
nicht abgenommen hatte, als der General vorbeikam. S. wurde von einem
Geschworenengericht aus einfachen Leuten freigesprochen, nach einem
Gerichtsverfahren, das viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen hatte.
(Quelle: Linksruck Homepage)