Abgedruckt
im Internen Bulletin Nr.6, Juli 1938
Aus
dem amerikanischen Englisch ins Deutsche übersetzt von Nikolaus Brauns und
Johannes Schneider
Vom
Politischen Komitee der SWP verabschiedet
Unsere
Herangehensweise an die jüdische Frage kann nur die des internationalen Klassenkampfes
sein. In ihrem Todeskampf erhält die kapitalistische Klasse ihre Herrschaft
aufrecht, indem sie zur ungezügelter Brutalität und Gewalt gegenüber der
Arbeiterklasse und vor allem deren Vorhut Zuflucht nimmt. Sie bedient sich
dabei jeder Art von Hass und Vorurteilen, die sie entfachen kann, um Zwietracht
unter den Massen zu sähen und die soziale Basis für ihre faschistische,
kriminelle Herrschaft zu errichten. Weil die Juden überall nur eine kleine
Minderheit der Bevölkerung bilden, und weil der Antisemitismus mal in offener,
dann wieder in maskierter Form immer am Leben gehalten wurde, stellen die Juden
einen einfachen Sündenbock dar, auf den die Großbourgeoisie den angestauten,
gefährlichen Zorn der rückständigen Teile der Massen und im besonderen der
verzweifelten Mittelklassen ableiten kann. Die faschistischen Söldlinge der
Großbourgeoisie bedienen sich der niederträchtigsten Lügenpropaganda um die
latente Abneigung gegenüber den Juden bis zum Pogromklima anzuheizen. Gerade
weil das Schüren des Antisemitismus ein unverzichtbarer Bestandteil der
Methoden der faschistischen Reaktion geworden ist, hat die revolutionäre Partei
eine doppelte Pflicht, ihn zu bekämpfen. Sie hat die Pflicht, die hinter einer
Nebelwand des Antisemitismus verborgen wirklichen Absichten der Kapitalisten zu
entlarven und die Massen gegen dieses Gift zu impfen; sie hat weiterhin die
besondere Aufgabe, eine wirkliche Verteidigung für die bedrohten Juden zu
organisieren, eine Verteidigung, die notwendigerweise auf der Macht der
organisierten Arbeiterklasse beruht. Wenn diese Aufgaben richtig durchgeführt
werden, dann können wir gleichzeitig hoffen, die jüdischen Massen zu unserer
festen Unterstützung zu gewinnen.
Die
Geschwindigkeit politischer und gesellschaftlicher Demokratisierung während der
fortschrittlichen Periode des Kapitalismus in den entwickelten Ländern schien
der Hoffnung Nahrung zu geben, dass die Juden mit der Zeit vom Rest der
Bevölkerung nicht mehr unterscheidbar würden - dass sie kurz gesagt assimiliert
würden. Am weitesten ging dieser Prozess in Deutschland und den USA. Im
Gegensatz dazu hat der gegenwärtige Niedergang des Kapitalismus im Weltmaßstab
und in jedem einzelnen Land die Assimilierungsbewegung nicht nur stocken
lassen, sondern sogar deren beschleunigte Umkehr hervorgerufen. Um das
Privateigentum und die Ausbeutung der werktätigen Massen zu verteidigen,
bedient sich der nationale Kapitalismus der Ideologie des Nationalchauvinismus.
Dieser wird zur Grundlage des totalitären Staats. Im Namen des
Nationalchauvinismus wird der Arbeiterklasse vollständig ihre demokratischen
Rechte genommen. Im Austausch für ihre Rechte werden die Massen zum ungehemmten
Schauspiel des Antisemitismus zugelassen. Die reaktionären Maßnahmen, die gegen
die Juden in Deutschland und Österreich ergriffen wurden und so viele von ihnen
in den Selbstmord treiben, sind ein Maß, um zu erkennen, wieweit der verrottete
Kapitalismus ins Mittelalter zurückschreitet. Auf einen Schlag wurden die Juden
nicht nur ihrer demokratischen Rechte als Bürger beraubt, sondern zugleich der
elementaren Möglichkeit, sich ihren Lebensunterhalt zu verdienen. In dieser
scheußlichen Weise endet die kapitalistische Demokratie ohne lang genug
existiert zu haben, um die Assimilierung zu ermöglichen.
Viele
Juden - und nicht nur Juden - täuschen sich mit der Beruhigung, dass Amerika
anders sei, dass diese Erscheinungen hier nicht geschehen könnten. Sie stellen
die Vereinigten Staaten weiterhin als einen großen Schmelztiegel mit einer
Demokratie dar, die weitaus sicherer verwurzelt sei, als es die europäische
Demokratie war. Aber die Juden und die gesamte Arbeiterklasse müssen vorgewarnt
sein - die selben Ursachen, die zum Niedergang geführt haben, sind sichtbar
auch hier an der Arbeit, und die selben Ergebnisse sind nicht nur möglich,
sondern absolut unvermeidbar, wenn die Arbeiterklasse nicht lernt - und sie
muss schnell lernen, ihre hartverdienten Rechte zu verteidigen und den Weg zur
Macht zu gehen. Die zweite Krise, die die Auswirkungen der ersten Krise noch
zuspitzt, lässt die herrschende Kapitalistenklasse in einer ernsthaften Klemme
und Verlegenheit über einen Ausweg sorgen. Zweifelsohne ist sie um die
Fortdauer ihrer Herrschaft besorgt und zieht die Unvermeidbarkeit einschneidender
Maßnahmen - faschistischer Maßnahmen - in Betracht. Die Symptome von wachsender
Diskriminierung der Juden, von Antisemitismus, sind schon vorhanden. Wir müssen
unverzüglich die Alarmglocke schlagen, damit die Arbeiterklasse wachsam
gegenüber den reaktionären Verschwörungen der Großbourgeoisie ist; insbesondere
müssen wir die jüdischen Massen aufrütteln, damit sie die Gefahr erkennen und
vor allem müssen wir die nötigen Maßnahmen vorschlagen, die gegen die wachsende
Gefahr ergriffen werden müssen.
Die
Schläge, die den Juden in einem Land nach dem anderen versetzt werden, haben zu
einem Wiederaufleben der zionistischen Bewegung und der von vielen
vorgeschlagenen nationalen Lösung für die Juden geführt. Was ist unsere Haltung
gegenüber Palästina als einem Heimatland für die Juden? Die Vierte
Internationale hat sich die Unterstützung des Proletariats für den Kampf
unterdrückter Nationalitäten um Selbstbestimmung auf ihr Banner geschrieben. Aber
die internationale Zerstreuung der Juden schafft ein besonders Problem, das es
in dieser Form für keine andere Nationalität gibt. Palästina ist ein Land, dass
bereits von einem einheimischen Volk, den Arabern, bewohnt wird. Palästina, als
Teil der kapitalistischen Welt betrachtet, kann nichts anderes sein, als die
Katzenpfote des Imperialismus, in der gegenwärtigen Zeit insbesondere des
britischen Imperialismus. Die Geschichte Palästinas in der Generation seit dem
Krieg war genau die gleiche Geschichte der Klassenausbeutung, wie in allen
kapitalistischen Ländern. Die Arbeiter in Palästina haben alle Übel des
Kapitalismus zu erleiden gehabt.
Wir
knicken keineswegs gegenüber dem jüdischen Nationalismus ein und betonen
folglich all diese Tatsachen. Aber wir müssen versuchen, eine Brücke zu bauen
zwischen den unterdrückten jüdischen Massen, die zum jüdischen Nationalismus
tendieren und dem Proletariat, insbesondere seiner Vorhut in der Vierten
Internationale. Wir müssen den jüdischen Nationalisten klarmachen, dass es
selbst zur Durchführung ihres Ideals, ihrer Lösung, notwendig ist, zuerst die
Welt des Kapitalismus zu beseitigen. Die Lösung der nationalen jüdischen Frage
und der sozialen Frage der Arbeiterklasse ist eine gemeinsame: die Überwindung
des Kapitalismus. Die Juden sind in einer unlösbaren Sackgasse angelangt, weil
der Kapitalismus in einer Sackgasse angelangt ist. Nur durch den Klassenkampf
werden die Juden einen Weg in die Zukunft finden. In dem wir eine solche Brücke
bauen, können wir Lenins Ziel erreichen, dessen Akzeptanz der Formel von der
Selbstbestimmung neben anderen Dingen ein weiteres Mittel zur Mobilisierung
aller Unterdrückter Seite an Seite mit den Arbeitern gegen den das
kapitalistische System bedeutete. Nationale Unterdrückung ist nicht die
geringste Form der kapitalistischen
Unterdrückung.
Angesichts
der schrecklichen Not der Juden muss es ein spezieller Punkt im Programm der
verschiedenen Sektionen der Vierten Internationale sein, gegen alle
Einschränkungen der Immigration, speziell der jüdischen Immigration zu kämpfen.
In den USA müssen wir gegen die Errichtung solcher Hindernisse kämpfen, wie den
Zwang, durch das Vorzeigen von Geld oder eidesstattlichen Versicherungen zu
beweisen, dass der Einwanderer keine Belastung für die Allgemeinheit wird. Ein
Teil unseres Einsatzes gegen den Antisemitismus muss die Form eines Kampfes für
ein uneingeschränktes Einwanderungsrecht für Flüchtlinge und speziell für Juden
annehmen.
Es
gehört zu den Grundprinzipen des Marxismus, dass die Klassenlinien durch die
nationalen Linien hindurch schneiden. Die jüdische Bourgeoisie, so ängstlich
sie auch im Angesicht des vorrückenden Faschismus sein mag, bleibt zu aller
erst ein kapitalistischer Ausbeuter. Es ist ihr Ziel - wie auch die Aufgabe,
die ihnen von ihrer Klasse zur Erhaltung des kapitalistischen Systems
zugewiesen wurde - sich der jüdischen Bewegung zu bemächtigen um die jüdischen
Massen der kapitalistischen Klasse unterzuordnen, um die Juden abseits der
übrigen Massen und auf diese Weise abseits des Klassenkampfes zu halten. Dies
ist der Grund, warum die jüdische Großbourgeoisie am ehesten bereit ist, jede
Art der "Volksfront" zu akzeptieren (man denkt auf Anhieb an den
Millionär Leon Blum). Der American Jewish Congress stellt die Art von Bewegung
dar, in der die jüdische Bourgeoisie für dieses Ziel energisch nach der Führung
strebt. In einem solchen "Kongress" kann unser Ziel nur sein, dies zu
entlarven und unser Programm als die wirkliche Lösung dem gegenüber zu stellen.
Es gibt eine wirkliche Stimmung gegen Bestrebungen diesen ausgesprochnen
Verrätern die Führung auszuhändigen. Dies wird deutlich bei der nahezu umfassenden
Zurückweisung des Vorschlags, eine Abstimmung über die Frage abzuhalten, ob
dieser Scheinkongress der einzige Sprecher der amerikanischen Juden sein soll.
Nur wenn wir die Machenschaften der jüdischen Bourgeoisie entlarven, werden wir
die jüdischen Massen für den Klassenkampf auf der Seite der Arbeiter gewinnen.
Die
jüdischen Arbeiter haben noch nicht alle Lehren aus dem Birobidschan-Fiasko
gezogen. Wir müssen besondere Propagandaanstrengungen in Bezug auf Birobidschan
innerhalb der jüdischen Stalinisten und ihres Umfeldes entfalten. Wir müssen an
diesem Beispiel aufzeigen, wie Stalin Russland ein weiteres Mal zum
‚Völkergefängnis’ gemacht hat, wie ein weiteres Mal die Moskauer Zentrale die
Knute in Händen hält, in diesem Fall die Knute der Bürokratie über die
Nationalitäten. Wir müssen aufzeigen, dass auch Russland unter Stalin den
jüdischen Flüchtlingen seine Tore verschlossen hat. Jede Site der
antisemitischen Welle in Russland muss entlarvt werden, um die jüdischen Massen
aus dem Einfluss der Kainspartei KP herauszulösen.
Unsere
Analyse ist nicht auf Russland beschränkt. Die Stalinisten müssen daran
erinnert werden, wie Hauptmann Scheringer sich damit brüstete, dass kein
einziger Jude dem Zentralkomitee der KPD angehörte. Sie müssen daran erinnert
werden, wie sie sozialdemokratische Arbeiter mit der sozialistischen Bürokratie
während der ‚dritten Periode’ verwechselten, wie sie die jüdischen Massen mit
den gekauften Helfern des Imperialismus in einen Topf warfen. Dies führte dazu,
dass die Stalinisten den Angriffen der Araber zustimmten, die in Wahrheit von
den Britten selbst ermuntert, wenn nicht sogar angestiftet waren. Unsere
Haltung gegenüber diesen Ereignissen in Palästina ist es aufzuzeigen, wie der
britische Imperialismus Araber und Juden gegeneinander ausspielt. Unsere
Haltung unterscheidet zwischen den jüdischen und arabischen Massen auf der
einen Seite und ihren jeweiligen Ausbeutern auf der anderen Seite.
Die
Juden bilden nur eine kleine Minderheit der amerikanischen Bevölkerung - ca.
4,5 Millionen von 130 Millionen. Hinge ihre Verteidigung von ihnen allein ab,
so wäre ihre Sache in der Tat hoffnungslos. Aber auch hier muss den jüdischen
Massen der Weg zu unserer Bewegung, der IV. Internationale gezeigt werden. Es
sind in erster Linie die amerikanischen Arbeiter auf die sich die Juden im
Kampf bei der Verteidigung ihrer gemeinsamen Rechte stützen müssen. Unsere
Propaganda gegen den Antisemitismus ist in erster Linie nicht an die Juden
sondern die amerikanische Arbeiterklasse gerichtet. Aus dem Angriff auf die
Juden ziehen wir zuvorderst die Lehre, dass diese Angriffe lediglich die
Speerspitze der Angriffe auf die amerikanische Arbeiterklasse darstellen. Diese
Angriffe haben das Ziel den Lebensstandard zu senken, indem sie die
Arbeiterklasse ihrer demokratischen Rechte berauben und die Arbeiterklasse den
wirtschaftlichen Schlägen wehrlos machen. Die Arbeiter und die jüdischen Massen
sind natürliche Verbündete im antifaschistischen Kampf. Unsere Propaganda
innerhalb beider Gruppen soll sie davon überzeugen, dass die Arbeiter den
Sozialismus errichten müssen, um den Faschismus zu schlagen. Nicht nur die
Arbeiterklasse als solche ist der natürliche Verbündete der Juden, auch all die
nationalen Minderheiten - Mexikaner, Chinesen, Japaner, Griechen, Polen, Russen
- denen die herrschende Klasse in Amerika eine untergeordnete Stellung zuweist,
können für den Kampf um die Rechte der nationalen Minderheiten, zu denen auch
die Juden gehören, gewonnen werden. An erster Stelle müssen die Schwarzen in
den Kampf gegen die Reaktion eingebunden werden, denn die Schwarzen sind das
schlimmste Opfer der kapitalistischen Ausbeutung. Ihr Kampf für gleiche Rechte
ist von höchster Bedeutung für die Sache der Arbeiter.
Nationaler
Chauvinismus ist der Deckmantel für Sozialpatriotismus. Der Kampf, den die
Arbeiter mit Hilfe der unterdrückten Nationalitäten gegen Chauvinismus führen,
muss unausweichlich den Sozialpatriotismus berücksichtigen. Ebenso muss die
Propaganda zur Unterstützung der Kapitalistenklasse und ihrer Regierung im
imperialistischen Krieg in Betracht gezogen werden. Gibt man dem
Sozialpatriotismus in den Reihen der Arbeiterklasse Nahrung, so bedeutet das
eine Schwächung des Kampf gegen den Faschismus. Die Stalinisten verfolgen genau
diesen Kurs des Verrats, der der Reaktion in die Hände spielt und die
Arbeiterbewegung schwächt.
Das
Übergangsprogramm beinhaltet die Notwendigkeit Arbeiterverteidigungsgruppen
aufzubauen. Dieser Gedanke kann unter den jüdischen Massen auf besonders
fruchtbaren Boden fallen und von ihnen in die Wirklichkeit umgesetzt werden. Es
ist selbstverständlich, dass Verteidigungsgruppen, die unter unserem Einfluss
gegründet werden, nicht nur aus Juden bestehen dürfen. Trotzdem müssen wir den
hohen jüdischen Bevölkerungsanteil in New York vollständig ausnützen und soviel
wie möglich Juden in diesen Verteidigungsgruppen organisieren. In diesem
Zusammenhang muss die Lage in Jersey und deren Auswirkungen auf die Juden kaum
besonders betont werden. Jüdische Organisationen müssen ermutigt werden,
Verteidigungsgruppen aufzustellen, die auch den Arbeiterorganisationen ihre
Hilfe anbieten sollten. In gleicher Weise müssen wir wann immer möglich unseren
Einfluss ausüben, damit Arbeiterverteidigungsgruppen wenn nötig den Juden zu
Hilfe kommen.
Die
jüdischen Jugendlichen sind die ersten, die die Stöße der antisemitischen
Diskriminierung ertragen müssen. Sie erfahren die Diskriminierung bei der
Arbeitsplatzsuche, an den Schulen und Colleges. Daher muss eine besonders
eindringlicher Kampf unter den Jugendlichen geführt werden, denn sie können
schnell für unsere Sache gewonnen werden. Besonders die gebildeten jüdischen
Jugendlichen befinden sich in einer Lage, die sie aufnahmebereit für
revolutionäre Propaganda macht. Unter den Jugendlichen ist es besonders
notwendig das stalinistische Gift des Fatalismus - der Faschismus käme
unausweichlich - zu bekämpfen. Nur die Vierte Internationale kann die
Entmutigung vertreiben und die Jugendlichen beflügeln für den Sieg zu
kämpfen.
a. Zusammenfassung der
Propaganda über die jüdische Frage in der Presse
b. Öffentliche
Versammlungen in Stadt und Land über die jüdische Frage
c. Arbeit innerhalb der jüdischen
Massenorganisationen. Beauftragung von Parteimitgliedern für diese Arbeit
d. Literatur auf Jiddisch
e. Besondere Anstrengungen das
Jewish Labor Committee zu beeinflussen
f. Verteidigungskomiteearbeit. Hilfe
für Flüchtlinge. Flüchtlinge sollen über ihre Erfahrungen im Ausland sprechen
g. Wiedererrichtung jüdischer Zellen
h. Kampagne für eine jiddische
Presse