Militarismus und
Antimilitarismus
In einer Zeit, in der Bundeswehrsoldaten weltweit eingesetzt werden und
Soldaten einen besonderen gesetzlichen Ehrenschutz genießen, hat ein
militärpolitisches Programm für RevolutionärInnen besondere Aktualität. MarxistInnen
müssen sich in ihrer Haltung zur Armee natürlich vom bürgerlichen und
sozialdemokratischen Standpunkt einer gerechtfertigten
"Vaterlandsverteidigung" abgrenzen. Ebenso wichtig ist aber auch die
Ablehnung des Pazifismus, der pauschal alle Gewalt und alles Militärische
verurteilt und so auch die gerechtfertigte Gewalt etwa einer Befreiungsbewegung mit der Gewalt ihrer
Unterdrücker gleichsetzt.
Imperialismus und Krieg
Als MarxistInnen sehen wir in Kriegen die Forstsetzung der Politik mit
anderen, gewaltsamen Mitteln. Da wir in einer Klassengesellschaft leben, haben
auch diese Kriege Klassencharakter. Lenin erkannte zu Beginn des Ersten
Weltkrieges: "Der Kampf um Märkte und die Plünderung fremder Länder, der
Eifer, die revolutionäre Arbeiterbewegung zu enthaupten und die Demokratie in
jedem Lande zu zermalmen, der Drang, die Proletarier aller Länder zu betrügen,
zu teilen und zu zerschmettern, die Lohnsklaven der einen Nation gegen die
Lohnsklaven der anderen Nationen für die Profite der Bourgeoisie aufzuhetzten -
das ist die einzig wirkliche Natur und Bedeutung des Krieges." Welcher
imperialistische Staat formal den ersten Schuß abgibt, ist für uns unerheblich.
Ein Krieg zwischen imperialistischen Mächten um die Aufteilung der Erde ist in
jedem Fall ein ungerechter Krieg, den die Bourgeoisie für ihre Ziele auf dem
Rücken der ArbeiterInnen austrägt.
Unsere Position ist die des revolutionären
Defätismus. Dies bedeutet, daß die RevolutionärInnen und die
ArbeiterInnenbewegung in ihrer eigenen Bourgeoisie und Regierung den Hauptfeind
erkennen müssen und für deren Niederlage kämpfen sollen. Eine Schwächung und
Niederlage der eigenen herrschenden Klasse im Krieg eröffnet den
RevolutionärInnen neue Möglichkeiten. Unser Ziel muß so die Umwandlung des
Krieges der herrschenden Klassen in einen Klassenkrieg gegen die herrschenden
Klassen sein. Lenin erklärte gegenüber den PazifistInnen: "Wer einen
dauerhaften und demokratischen Frieden will, er muß für den Bürgerkrieg gegen
die Regierungen und die Bourgeoisie sein."
Unter den Soldaten der verschiedenen Armeen ist unser Programm die
Verbrüderung der "ArbeiterInnen in Uniform". Bei Kriegen von
imperialistischen Staaten gegen nichtimperialistische Länder kämpfen wir für
die bedingungslose Verteidigung des nichtimperialistischen Landes. Auch hier
ist unsere Losung "Der Hauptfeind steht im eigenen Land!". Dabei ist
es unerheblich, ob hier formal ein "demokratischer" Imperialist gegen
eine Militärdiktatur in der Dritten Welt Krieg führt. Wir werden den kleinen
Räuber gegen den großen verteidigen, ohne dabei die geringste Sympatie für die
herrschenden Klassen zu äußern. So war es im Falle des Golfkrieges, als wir den
Irak gegen den Imperialismus verteidigten, ohne dabei zu Freunden von Diktator
Sadam Hussein zu werden. Wir wissen lediglich, daß eine Niederlage des
Imperialismus auch den revolutionären Kräften in der Dritten Welt neue
Möglichkeiten eröffnet und die Chance zum Sturz der jeweiligen Diktatoren sich
so vergrößern.
Auch zur Abwehr revolutionärer Bewegungen und zur Zerschlagung von
nicht-kapitalistischen Staaten führt der Imperialismus Krieg. Der Vietnamkrieg
der USA gegen den Vietkong war ebenso ein Versuch der imperialistischen
Konterrevolution, wie heute der Krieg der türkischen Armee gegen die kurdischen
nationale Befreiungsbewegung. Auch die NATO-Hochrüstung gegen die Sowjetunion
im kalten Krieg war die Vorbereitung zur Zerschlagung der sozialistischen
Errungenschaften und zur Wiedereingliederung in den kapitalistischen Weltmarkt.
Zwar wurde kein Krieg gegen die realsozialistsichen Länder geführt, die
immensen Rüstungsausgaben, die der Sowjetunio letzlich durch die
imperialistische Bedrohung aufgezwungen wurden, führten aber zu einem
"Todrüsten" und trugen zum Zusammenbruch bei. Gegenüber
nichtkapitalistischen ArbeiterInnenstaaten, auch den stalinistischen, ist
unsere Position so die bedingungslose Verteidigung gegen den Imperialismus. Die
Verteidigung gilt den sozialistsichen Errungenschaften, gegen die sich der
Krieg richtet, und nicht der stalinistischen Bürokratie.
Bürgerkrieg
Der Staat ist eine besondere Formation bewaffneter Menschen, hat
Friedrich Engels analysiert. Und Staaten sind Unterdrückungsinstrumente der
herrschenden Klassen. Eine Armee dient so nicht nur der Verteidigung oder
Expansion der herrrschenden Klassen nach außen, sondern auch zur
Aufrechterhaltung der bürgerlich-kapitalistischen Ordnung im inneren. Präventiv
bereitet die Armee die Niederschlagung revolutionärer Bewegungen und die
Errichtung einer Gewaltherrschaft vor. Als in Chile eine sozialistisch geführte
Regierung durch Wahlen an die Macht kam, putschte die Armee blutig und tausende
SozialistInnen wurden ermordet. Als 1968 die französischen AbeiterInnen im
Generalstreik standen, rückten in der BRD stationierte französische Panzer zu
ihrer Niederschlagung an. Mit den Notstandsgesetzen ist in der BRD der Einsatz
der Armee im Landesinneren sogar gesetzlich legalisiert. aber auch ohne
Ausrufung des Notstandes über Bundeswehr und Bundesgrenzschutz regelmäßig den
Einsatz gegen streikende ArbeiterInnen. Vom Einsatz von Soldaten als
Streikbrechern bis hin zur bewaffneten Niederschlagung von Demonstrationen und
Streiks reichen die Szenarien. Auch die Bundeswehr ist als Bürgerkriegsarmee
konzipiert und stellt für die sozialistische Bewegung in der BRD eine ungeheure
Gefahr das.
Antimilitaristische Strategie
Die besondere Bedeutung antimilitaristischer Arbeit ergibt sich aus der
über Sieg und Niederlage entscheidenden Rolle der Armee in einer Revolution.
Gegen die Armee kann keine Revolution siegen. Auch eine starke
ArbeiterInnenmiliz kann nicht gegen eine moderne Truppe bestehen. Es ist
vielmehr notwendig, die Armee soweit zu zersetzten, daß sie kein zuverläßiges
Instrument der Konterrevolution mehr sein kann. Endziel muß die Auflösung der
bürgerlichen Armee und der Aufbau einer revolutionären Roten Armee sein. Denn
auch, wenn es gelingt, die Armee in der Revolution zu neutralisieren und passiv
zu halten, wird ihre bloße Weiterexistenz eine beständige Gefahr für die
SozialistInnen darstellen.
Diese Ziele werden weder durch Kriegsdienstverweigerung noch
Desertation erreicht werden können, sondern nur durch die revolutionäre Arbeit
in der Armee. Wir verteidigen das demokratische Recht auf
Kriegsdienstverweigerung, sehen aber, daß durch die Verweigerung gerade die
unzufriedenen und rebellischen Elemente von der Armee fernbleiben, die einen
wichtigen Beitrag zur Zersetzung der Truppe leisten könnten. Individuelles
Desertieren verteidigen wir als Gewissensentscheidung, sehen darin aber keine
Möglichkeit, wirksame antimilitaristsiche Arbeit zu leisten, da immer genug
Soldaten in der Truppe verbleiben. Die einzig wirksame antimilitaristische
Strategie ist letztendlich die Mobilisierung der breiten Masse der Soldaten,
der Mannschaften und Unteroffiziere. Und dies kann nur innerhalb der Truppe
geschehen.
Gegen eine Berufsarmee
Während das Offizierskorps materiell und ideologisch weitgehend an die
herrschenden Klassen gebunden ist, rekrutiert sich die Masse der Soldaten aus
den arbeitenden Klassen und dem Kleinbürgertum. Gerade die Wehrpflichtigen sind
in ihrer Mehrzahl Arbeiter in Uniform. Diese Soldaten, auch wenn sie der
permanenten militaristischen Propaganda ausgesetzt sind, lassen sich nicht so
einfach gegen streikende ArbeiterInnen oder DemonstrantInnen oder für
imperialistische Machtinteressen in fremden Ländern einsetzten, da sie keine
eigenen Interesssen haben, die das Risiko lohnten. Eine reine Berufsarmee wäre
ein wesentlich isolierteres, von der Gesellschaft abgekapseltes und
militaristisch indoktriniertes Werkzeug der herrschenden Klassen. Sie ließe
sich zuverläßiger gegen die eigene Bevölkerung, wie auch gegen andere Völker
und revolutionäre Bewegungen in aller Welt einsezten. Es ist kein Zufall, daß
die Umwandlung der französischen Wehrpflichtarmee in eine Berufsarmee im
Anschluß an die Massenstreikbewegung vom Winter 1995 folgte. Und auch in der
BRD kommt heute, in einer Zeit verstärkten sozialen Kahlschlags und verstärkter
Mobilisierung der ArbeiterInnen kaum zufällig wieder die Debatte über eine Umwandlung
der Bundeswehr in eine Berufsarmee auf.
In der Tradition von August Bebel und Wilhelm Liebknecht, die im letzten
Jahrhundert als Sozialisten für das demokratische Recht auf militärische
Ausbildung für alle und gegen die Privilegien einer bürgerlich-aristokratisch
geführten Truppe kämpften, müssen revolutionäre SozialistInnen auch heute jeden
Schritt in Richtung Berufsarmee bekämpfen. Wir müssen dabei auch PDS, Grüne
hart kritisieren, wenn sie aus pazifistischen Motiven die Abschaffung der Wehrpflicht
fordern. Vielmehr müssen wir uns sogar für das Recht, nicht die Pflicht, auf militärische Ausbildung auch für Frauen
einsetzen. In einer Revolution ist es entscheidend, daß nicht nur die
herrrschende Klasse und ihre Helfer über das Privileg militärischer Ausbildung
und Bewaffnung verfügen, sondern auch die breite Masse der ArbeiterInnen. Lenin
verwarf alle pazifistische Utopien, wenn erklärte: "Die unterdrückte
Klasse, die nicht versucht, zu lernen, wie Waffen benützt werden, und nicht
versucht, sie zu besitzen - solch eine Klasse würde es verdienen, nicht besser
als Sklaven behandelt zu werden." Mao Tse Tung sollte später in diesem
Sinne feststellen, daß derjenige, der die Gewehre abschaffen will, hierzu
zuerst selber zum Gewehr greifen müsse.
Seit Zeit findet in der Bundeswehr eine Umstrukturierung statt, die auf
eine Teilung der Armee in einen schlagkräftigen Kern von Berufssoldaten für
Kampfaufgaben und die Masse der Wehrpflichtigen für Nachschubs- und
Instandsetzungsaufgaben abzielt. Diese Teilung ist annähernd so gefährlich wie
die reine Berufsarmee und stellt einen weiteren Schritt beim Umbau der
Bundeswehr als Bürgerkriegs-und Interventionsarmee dar.
In der Armee müssen Revolutionäre alle berechtigten demokratischen
Forderungen der Soldaten aufgreifen. Das Recht auf gewerkschaftliche
Organisierung der Soldaten fällt ebenso hierunter, wie der Widerstand gegen
Schikanen, Disziplinierung und Repression und die Unterstützung materieller
Forderungen nach mehr Sold, dienstfreier Zeit und Aufhebung des
Kasernierungszwangs. Überall, wo sich Unzufreidenheit unter den Soldaten
breitmacht, gilt es ihre Rechte zu verteidigen. Hierzu können Revolutionäre
wertvolle Hilfe bei der Organisierung der in der Truppe normalerweise
vereinzelten Soldaten leisten. Ausgehend von demokratischen und materiellen
Foderungen kann die antimilitaristische Arbeit weitergehende Ziele stellen. Die
weitestgehende Forderung in der bürgerlichen Armee ist schließlich die
Forderung nach Wähl-und Abwählbarkeit der Vorgesetzten. Wenn dieses Ziel
durchgesetzt wird, ist die militärische Hierarchie der Armee zersetzt. Der
nächste praktische Schritt in einer revolutionären Situation ist nun die
Bildung von Soldatenräten, die die Befehlgewalt über die Truppe haben. Solche
Soldatenräte bildeten die Vorhut der Novemberrevolution 1918, die den Ersten
Weltkrieg beendete. Die Zerschlagung des bürgerlichen Staates und seiner Armee
und der der Aufbau der der revolutionären Gegenmacht steht in einer solchen
Situation auf der Tagesordnung.
Erich Kröner
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Das ist nicht unser Krieg! Wir erklären
den Arbeitern die Unvereinbarkeit zwischen ihren Interessen und den
Interessen des blutrünstigen Kapitalismus; wir mobilisieren die Werktätigen
gegen den Imperialismus; wir propagieren die Einheit der Arbeiter in allen
kriegführenden und neutralen Ländern; wir verlangen die Verbrüderung der
Arbeiter und Soldaten innerhalb jedes Landes und der Soldaten mit den
Soldaten der gegenüberliegenden Seite der Kampffront; wie mobiliseren die
Frauen und die Jugend gegen den Krieg; wie setzen die konstante, beharrliche,
unermüdliche Vorbereitung auf die Revolution fort - in den Fabriken, in den
Dörfern, in den Kasernen, an der Front und in der Marine. Das ist unser
Programm. Proletarier der Welt, es gibt keinen anderen Ausweg, als sich unter
dem Banner der IV.Internationale zu vereinen! (aus: Leo
Trozki, Manifest der IV.Internationale zum imperialistischen Krieg und zur
proletarischen Weltrevolution, 1940) |