Das Recht
der nationalen Selbstbestimmung
und die proletarische Revolution
von Leo Trotzki
(aus: Leo Trotzki: Zwischen Imperialismus
und Revolution – Die Grundfragen der Revolution an dem Einzelbeispiel
Georgiens, Verlag der Kommunistischen Internationale - Carl Hoym Nachf. Hamburg
1922, S.116-128)
Die alliierten Mächte haben nicht die Absicht, von dem großen Prinzip der Selbstbestimmung der kleinen Völker abzuweichen. Nur dann werden sie auf dieses verzichten, wenn sie sich mit der Tatsache werden einverstanden erklären müssen, dass irgend eine zeitweilig unabhängige Nation durch ihre Unfähigkeit, die Ordnung aufrecht zu erhalten, durch Streitsucht und aggressive Akte und sogar durch die ständige kindische und unnötige Betonung ihrer eigenen Würde zeigen wird, dass sie eine eventuelle Gefahr für den Weltfrieden darstellt. Eine solche Nation werden die Großmächte nicht dulden, da sie beschlossen haben, dass der Friede der ganzen Welt gewahrt bleiben muss.
Mit so energischen Worten paukte der englische
General Wakker den georgischen Menschewiki das Verständnis der Relativität des
Rechtes der Nationen auf Selbstbestimmung ein. Politisch stand Henderson ganz
hinter seinem General und steht auch jetzt noch hinter ihm. Aber
"prinzipiell" ist er vollständig bereit, die nationale
Selbstbestimmung in ein absolutes Prinzip zu verwandeln und dieses gegen die
Sowjetrepublik zu richten.
Die nationale Selbstbestimmung ist eine
Grundformel der Demokratie für unterdrückte Nationen. Dort, wo die Klassen -
oder die ständische Unterdrückung durch nationale Unterdrückung verkompliziert
wird, nehmen die Forderungen der Demokratie vor allem die Form der nationalen
Gleichberechtigung, der Autonomie oder der selbständigen Existenz an.
Das Programm der bourgeoisen Demokratie enthielt
auch das Recht auf nationale Selbstbestimmung. Aber dieses demokratische
Prinzip trat in schroffen und offenen Widerspruch zu den Interessen der
Bourgeoisie der mächtigsten Nationen. Die republikanische Staatsform erwies
sich als vollständig vereinbar mit der Herrschaft der Börse. Über dem
technischen Bau des allgemeinen Wahlrechts ließ sich mühelos die Diktatur des
Kapitals errichten. Aber das Recht auf nationale Selbstbestimmung nahm und
nimmt in vielen Fällen den Charakter einer akuten und unmittelbaren Gefahr der
Zerspaltung des bourgeoisen Staates oder der Abspaltung von Kolonien an.
Die mächtigsten bourgeoisen Demokratien
verwandelten sich in imperialistische Aristokratien. Die Finanzoligarchie der
City herrscht durch Vermittlung des von ihr auf "demokratische Weise"
zu seinen Fronknechten gemachten Volkes der Metropole über den rechtlosen
Menschenozean Asiens und Afrikas. Die Französische Republik, mit einer
Bevölkerung von 38 Millionen Seelen, bildet nur einen Bestandteil des Kolonialreiches,
das heute bis 60 Millionen farbige Sklaven zählt. Die Neger der französischen
Kolonien müssen, in immer zunehmendem Grade, die Armee komplettieren, die
sowohl zur Aufrechterhaltung der Kolonialsklaverei, als auch zum Schutze der
Herrschaft der Kapitalisten über die Werktätigen in Frankreich selbst dient.
Das Streben nach möglichster Erweiterung des Marktes auf Kosten der
Nachbarvölker, der Kampf um die Erweiterung der Kolonialmacht, für die
Herrschaft über die Meere -der Imperialismus -trat immer mehr in unversöhnlicheren
Widerspruch zu den separatistischen nationalen Tendenzen der unterdrückten
Völker. Da aber die kleinbürgerliche Demokratie, darunter auch die
Sozialdemokratie, in ein vollständiges politisches Fronverhältnis zum
Imperialismus geriet, so lief das Programm der nationalen Selbstbestimmung
faktisch auf Null hinaus.
Das große imperialistische Schlachten trug
scharfe Veränderungen in diese Frage hinein: alle bourgeoisen und
sozialpatriotischen Parteien klammerten sich an die nationale Selbstbestimmung,
-jedoch vom anderen Ende. Die kriegführenden Regierungen strebten aus allen
Kräften danach, sich dieser Losung zu bemächtigen, zuerst im Kriege
gegeneinander, dann im Kampfe gegen Sowjetrußland. Der deutsche Imperialismus
spielte mit der nationalen Unabhängigkeit der Polen, Ukrainer, Litauer, Letten,
Esten, Finnen, der kaukasischen Völker, zuerst gegen den Zarismus, dann in
umfassender Weise gegen uns. Die Entente hielt zusammen mit dem Zarismus den
Kurs auf die Befreiung der Völker Österreich-Ungarns, Deutschlands und der
Türkei ein, und dann, nachdem sie die Mitarbeit des Zarismus verloren hatte,
ging sie zur Befreiung der Randvölker Russlands über.
Indem die Sowjetrepublik das durch
Gewaltherrschaft und Unterdrückung zusammengeschmiedete Zarenreich erbte,
proklamierte sie offen die Freiheit der nationalen Selbstbestimmung und die
Freiheit der nationalen Losgliederung. Indem unsere Partei die ungeheure
Bedeutung dieser Losung in der Übergangsepoche zum Sozialismus begriff,
verwandelte sie das demokratische Prinzip der Selbstbestimmung auch nicht für
eine Minute in etwas Absolutes, das über allen übrigen historischen
Bedürfnissen und Aufgaben dominiert. Die wirtschaftliche Entwicklung der
modernen Menschheit hat tief zentralistischen Charakter. Der Kapitalismus schuf
die Hauptvoraussetzungen für die Planwirtschaft im Weltmaßstabe. Der
Imperialismus ist nur ein räuberischer kapitalistischer Ausdruck dieses
Bedürfnisses nach einer geeinten Führung der ganzen Weltwirtschaft. Jedem
mächtigen imperialistischen Lande ist es zu eng in den Grenzen der nationalen
Wirtschaft, und es strebt nach einem umfassenderen Markt. Sein Ziel, wenigstens
das ideale, ist das Wirtschaftsmonopol der ganzen Welt. In der Sprache der
kapitalistischen Räuberei und Piraterie kommt hier die Hauptaufgabe unserer
Epoche zum Ausdruck: die Herstellung einer Übereinstimmung zwischen den
Wirtschaften aller Weltteile und die Errichtung der im Interesse der ganzen
Menschheit liegenden harmonischen Weltproduktion, die durchdrungen ist von dem
Prinzip der höchsten Ökonomie der Kräfte und Mittel. Das aber ist gerade die
Aufgabe des Sozialismus.
Es ist ganz klar, dass das Prinzip der
nationalen Selbstbestimmung keinesfalls über den Einigungstendenzen des
sozialistischen Wirtschaftsaufbaues steht. In dieser Hinsicht nimmt es im
historischen Entwicklungsverlauf jenen untergeordneten Platz ein, der der
Demokratie überhaupt eingeräumt ist. Der sozialistische Zentralismus kann
jedoch nicht den imperialistischen Zentralismus unmittelbar ablösen. Die unterdrückten
Nationalitäten müssen die Möglichkeit erhalten, ihre Gliedmassen, die unter den
Ketten des kapitalistischen Zwanges mit Blut unterlaufen sind, frei
auszustrecken. Wie lange die Periode der Selbstbefriedigung durch die nationale
Unabhängigkeit Finnlands, der Tschechoslowakei, Polens usw. usw. sich hinziehen
wird, das hängt vor allem von dem allgemeinen Entwicklungsverlauf der sozialen
Revolution ab. Aber die wirtschaftliche Insolvenz der einzelnen
nationalstaatlichen Zellen, die von einander isoliert sind, macht sich in ihrer
ganzen Schärfe schon am zweiten Tage nach der Geburt jedes neuen
Nationalstaates bemerkbar.
Die proletarische Revolution hat keinesfalls die
mechanische nationale Entpersönlichung und Zwangszusammenschließung zur Aufgabe
und Methode. Der Kampf auf dem Gebiete der Sprache, der Schule, der Literatur,
der Kultur ist ihr absolut fremd, da ihr leitendes Prinzip nicht die
professionellen Interessen der Intelligenz und die "nationalen"
Interessen der Krämer sind, sondern die Hauptinteressen der Arbeiterklasse. Die
siegreiche soziale Revolution wird jeder nationalen Gruppe die volle
Möglichkeit einer unbehinderten Lösung der Aufgaben der nationalen Kultur
gewähren, indem sie zu gleicher Zeit -zum allgemeinen Vorteil und mit dem
allgemeinen Einverständnis der Werktätigen -die wirtschaftlichen Aufgaben
vereinheitlicht, die nach einer planmäßigen Lösung die Abhängigkeit von den
natürlich-historischen und technischen Daten, keinesfalls aber von den
nationalen Gruppierungen verlangen. Die Sowjetföderation schafft eine für die
Koordination der nationalen und wirtschaftlichen Bedürfnisse maximal bewegliche
und elastische Staatsform.
Zwischen dem Westen und dem Osten ist
Sowjetrussland in der vollen Rüstung zweier Losungen aufmarschiert: Diktatur
des Proletariats und nationale Selbstbestimmung. In einzelnen Fällen können
diese zwei Stufen von einander nur durch einige Jahre oder sogar Monate
getrennt sein. Hinsichtlich des großen Reiches des Ostens wird dieser Zeitraum
eher nach Jahrzehnten bemessen werden.
Unter den revolutionären Bedingungen Russlands
erwiesen sich neun Monate des demokratischen Regimes Kerenski-Zeretelli als
ausreichend, um die Bedingungen für den Sieg des Proletariats vorzubereiten. Im
Vergleich zu dem Regime von Nikolai und Rasputin war das Regime
Kerenski-Zeretelli ein historischer Schritt vorwärts: in diesem Eingeständnis,
das wir natürlich niemals geleugnet haben, liegt nicht eine formale,
professorale, pfäffische, Mac Donaldische, sondern eine revolutionäre.
historische, materialistische Bewertung der wirklichen Bedeutung der
Demokratie. Ihre selbständige progressive Bedeutung konnte sie bereits im Laufe
von dreiviertel Jahren Revolution erschöpfen. Das bedeutet natürlich nicht,
dass man im Oktober 1917 durch ein Referendum eine formal exakte Antwort von
der Mehrzahl der Arbeiter und Bauern auf die Frage darüber hätte erhalten
können, ob sie annehmen, dass für sie der demokratische Vorbereitungskurs der
historischen Schule genüge. Das bedeutet vielmehr, dass nach neun Monaten
demokratischen Regimes die Eroberung der Macht durch die proletarische
Avantgarde schon nicht mehr auf den Widerstand des Unverständnisses und der
Vorurteile der Mehrzahl der Werktätigen zu stoßen riskierte, sondern dass sie
im Gegenteil auf einmal in die Möglichkeit versetzt wurde, die Positionen zu
erweitern und zu befestigen, immer breitere werktätige Massen aktiv
heranziehend und erobernd. Hierin besteht gerade, wenn die dickköpfigen
Pedanten der Demokratie gestatten, die große Bedeutung des Sowjetsystems.
Die nationale Loslösung der ehemaligen
Randgebiete des Zarenreiches und ihre Verwandlung in selbständige
kleinbürgerliche Republiken hatte die gleiche relativ progressive Bedeutung,
wie auch die Demokratie im ganzen. Nur Imperialisten und Sozialimperialisten
können unterdrückten Völkern das Recht auf Loslösung absprechen. Nur Fanatiker
und die Scharlatane des Nationalismus können hierin einen Selbstzweck sehen.
Für uns war und bleibt die nationale Selbstbestimmung eine historische, in
vielen Fällen unvermeidliche Stufe zur Diktatur der Arbeiterklasse, die schon
kraft der Gesetze der revolutionären Strategie im Prozess des Bürgerkrieges,
als Gegengewicht zum nationalen Separatismus, tief zentralistische Tendenzen
entwickelt, die im weiteren Verlauf vollständig mit den Bedürfnissen der
sozialistischen Planwirtschaft übereinstimmen.
Wie bald der Klassenwiderstand gegen die
Illusionen der "selbständigen" staatlichen Existenz die Eroberung der
Macht durch die Arbeiterklasse möglich machen wird, das hängt sowohl von dem
allgemeinen Tempo der revolutionären Entwicklung ab (hiervon war schon die
Rede), als auch von den speziellen inneren und Äußeren Bedingungen des Landes.
In Georgien hat sich die fiktive nationale Unabhängigkeit drei Jahre lang
gehalten. Ob die werktätigen Massen Georgiens tatsächlich drei Jahre gebraucht
haben, um in genügendem Maße ihre nationalen Illusionen los zu werden -und ob
hierfür drei Jahre genügt haben -, auf diese Frage kann man keine akademische
Antwort geben. Referendum und Plebiszit verwandeln sich unter den Bedingungen
eines erbitterten Kampfes zwischen Imperialismus und Revolution auf jedem
Fetzen des Weltterritoriums in eine Fiktion. Wie sie veranstaltet werden,
darüber kann man sich bei den Herren Korfanty, Shelichowsky oder in den
entsprechenden Kommissionen der Entente erkundigen. Für uns wird die Frage
nicht durch die Methoden der formal demokratischen Statik, sondern durch die
Methoden der revolutionären Dynamik entschieden. Worin besteht das tatsächliche
Wesen der Angelegenheit? Darin, dass der Sowjetumsturz in Georgien, der
zweifellos unter der aktiven Beteiligung der Roten Armee vollzogen wurde -es
wäre Verrat gewesen, den Arbeitern und Bauern Georgiens nicht mit bewaffneter
Macht zu helfen, zumal wir eine solche hatten! -, sich nach der politischen
Erfahrung von drei Jahren "Unabhängigkeit" Georgiens unter
Bedingungen abspielte, die ihm vollständig einen weiteren politischen, nicht
aber einen zeitlichen militärischen Erfolg sicherten, d. h. eine fernere Erweiterung
und Befestigung des Sowjetfundaments von Georgien selbst. Darin aber gerade
besteht, wenn die dickköpfigen Pedanten der Demokratie gestatten, die
revolutionäre Aufgabe.
Die Politiker der Zweiten Internationale
schneiden, ihre Lehrer aus den bürgerlich-diplomatischen Kanzleien kopierend,
Grimassen tödlicher Ironie anlässlich der Anerkennung des Rechts auf nationale
Selbstbestimmung durch uns. - Das ist eine Falle für Einfältige! Ein Köder des
roten Imperialismus! - In der Tat aber verteilt diese Köder die Geschichte
selbst, die ihre Aufgaben nicht gradlinig löst. Und auf jeden Fall sind nicht
wir es, die die Zickzacklinien der historischen Entwicklung in Fallen
verwandeln. Denn, indem wir das Recht auf nationalstaatliche Selbstbestimmung
durch die Tat anerkennen, machen wir immer den Massen seine beschränkte
historische Bedeutung klar, und ordnen ihm keinesfalls die Interessen der
proletarischen Revolution unter.
Die Anerkennung des Rechtes auf Selbstbestimmung
von Seiten eines Arbeiterstaates ist zugleich auch eine Anerkennung dessen,
dass die revolutionäre Gewalt kein allmächtiger historischer Faktor ist. Die
Sowjetrepublik beabsichtigt keinesfalls, die revolutionären Bemühungen des
Proletariats anderer Länder durch ihre bewaffnete Macht zu ersetzen. Die Eroberung
der Macht durch dasselbe muss aus seiner eigenen politischen Erfahrung
herauswachsen. Das bedeutet nicht, dass die revolutionären Anstrengungen der
Werktätigen, meinetwegen in demselben Georgien, keine bewaffnete Unterstützung
von außen her finden könnten. Es ist nur notwendig, dass diese Unterstützung in
einem solchen Moment eintritt, da das Bedürfnis nach ihr vorbereitet ist durch
die vorhergehende Entwicklung und herangereift ist in dem Bewusstsein der
revolutionären Avantgarde, die die Sympathie der Mehrheit der Werktätigen
besitzt. Das sind Fragen der revolutionären Strategie, nicht aber des formal
demokratischen Rituals.
Die Realpolitik des heutigen Tages fordert von
uns, dass die Interessen des Arbeiterstaates nach Möglichkeit in
Übereinstimmung gebracht werden mit den Bedingungen, die hervorgehen aus seiner
Einkreisung durch die großen und kleinen bürgerlichen nationaldemokratischen
Staaten. Gerade durch diese Erwägungen, die aus der Berücksichtigung der
tatsächlichen Kräfte hervorgehen. wurde unsere nachgebende, geduldige,
abwartende Politik, in bezug auf Georgien bestimmt. Als aber dieses
Kompromisslertum, sich selbst politisch erschöpfend, nicht einmal elementare
Garantien der Gefahrlosigkeit gewährte; als das Prinzip der Selbstbestimmung in
den Händen des Generals Wakker und des Admirals Dumenille zu einer juristischen
Garantie der Gegenrevolution wurde, die einen neuen Schlag gegen uns
vorbereitete, sahen wir keinerlei prinzipielle Hindernisse und konnten sie
nicht sehen, nach einer Aufforderung von Seiten der revolutionären Avantgarde
Georgiens, die roten Truppen nach Georgien zu führen und den ärmsten Bauern zu
helfen, in kürzester Frist und mit minimalen Opfern jene traurige Demokratie zu
stürzen, die durch ihre Politik sich selbst zugrunde gerichtet hat.
Wir erkennen das Prinzip der Selbstbestimmung
nicht nur an, sondern unterstützen es auch nach Kräften dort, wo es gegen die
feudalen, kapitalistischen, imperialistischen Staaten gerichtet ist. Dort aber,
wo die Fiktion der Selbstbestimmung sich in den Händen der Bourgeoisie in eine
Waffe verwandelt, die gegen die Revolution des Proletariats gerichtet ist,
haben wir gar keinen Grund, uns zu dieser Fiktion anders zu verhalten, als zu
den andern "Prinzipien" der Demokratie, die durch das Kapital in ihr
Gegenteil verwandelt worden sind. Dass in bezug auf den Kaukasus die
Sowjetpolitik auch in nationaler Beziehung sich als richtig erwiesen hat, davon
zeugt am besten das heutige gegenseitige Verhältnis der kaukasischen Völker
zueinander.
Die Epoche des Zarismus war eine Epoche
barbarischer nationaler Pogrome im Kaukasus. Das armenisch-tatarische Gemetzel
flammte periodisch auf. Die blutigen Explosionen unter dem gusseisernen Deckel
des Zarismus bildeten eine Fortsetzung des seit Jahrhunderten bestehenden
Kampfes der transkaukasischen Völker untereinander.
Die Epoche der sogenannten Demokratie verlieh
dem nationalen Kampfe einen viel deutlicher ausgesprochenen und organisierten
Charakter. Es begannen gleich in den ersten Zeiten sich nationale Armeen zu
formieren, die gegeneinander feindlich gesinnt waren und nicht selten
kriegerische Aktionen gegeneinander eröffneten. Der Versuch der Schaffung einer
bourgeoisen föderativ-demokratischen transkaukasischen Republik erlitt ein
trauriges und schmachvolles Fiasko. Fünf Wochen nach ihrer Schaffung zerfiel
die Föderation. Nach einigen Monaten führten die "demokratischen"
Nachbarn bereits offen Krieg gegeneinander. Schon allein diese Tatsache
entscheidet die Frage. Denn wenn die Demokratie, gleich nach dem Zarismus, sich
als unfähig erwiesen hat, Bedingungen wenigstens eines friedlichen
Zusammenlebens der Völker Transkaukasiens zu schaffen, so war es offenbar
notwendig, neue Bahnen einzuschlagen.
Erst die Sowjetmacht trug Beruhigung in die
nationalen Wechselbeziehungen hinein. Bei den Sowjetwahlen wählten die Arbeiter
von Baku und Tiflis einen Tataren, Armenier oder Georgier, ohne sich nach ihrer
Nationalität zu erkundigen. In Transkaukasien leben Schulter an Schulter
mohammedanische, armenische, georgische und russische Rote Regimenter. Sie
fühlen sich als eine einige Armee. Keine Macht wird sie gegeneinander in
Bewegung setzen. Dagegen werden sie alle Sowjet-Transkaukasien gegen jedes
äußere oder innere Attentat verteidigen.
Die Herstellung des nationalen Friedens in
Transkaukasien, die durch die Sowjetrevolution erreicht wurde, ist schon an
sich eine Tatsache von ungeheurer politischer und kultureller Bedeutung. Hier
wird wirklicher und lebendiger Internationalismus geschaffen, den wir getrost
den hohlen und leeren pazifistischen Reden der Helden der Zweiten
Internationale gegenüberstellen können, die die chauvinistische Praxis ihrer
nationalen Bestandteile ergänzen.
* * *
Die Forderung des Abtransportes der
Sowjettruppen aus Georgien und die Organisation eines Referendums unter der
Kontrolle gemischter Kommissionen aus Sozialisten und Kommunisten stellt eine
der wertlosesten imperialistischen Fallen unter der demokratischen Flagge der
nationalen Selbstbestimmung dar.
Wir lassen eine Reihe von Kardinalfragen
beiseite: Mit welcher Begründung wollen die Demokraten uns die demokratische
Form der Befragung der Bevölkerung statt der von unserem Gesichtspunkt höheren
Sowjetform aufbinden? Warum beschränkt sich die Anwendung des Referendums auf
Georgien allein? Warum wird eine solche Forderung nur an die Sowjetrepublik
gerichtet? Warum wollen die Sozialdemokraten bei uns das Referendum
durchführen, während sie nichts derartiges bei sich zu Hause durchführen?
Stellen wir uns auf die Position unserer Gegner,
wenn sie etwas derartiges wie eine Position haben. Sondern wir die Frage
Georgiens heraus und betrachten wir sie isoliert. Es wird folgendes zur Aufgabe
gestellt: die Schaffung von Bedingungen einer freien (demokratischen, und nicht
sowjetischen) Willenskundgebung des georgischen Volkes.
1. Wer will einen Vertrag schließen und mit wem?
Wer garantiert die tatsächliche Ausführung der Vertragsbedingungen; einerseits
offenbar die verbündeten Sowjetrepubliken, wer aber auf der anderen Seite? Etwa
die Zweite Internationale? Wo aber ist ihre materielle Kraft, die die
Einhaltung der Bedingungen garantieren könnte?
2. Selbst wenn man annimmt, dass der
Arbeiterstaat mit ...Henderson und Vandervelde verhandeln wird, und dass in
Übereinstimmung hiermit die Kontrollkommissionen aus Kommunisten und
Sozialdemokraten zusammengesetzt werden, wie soll man es dann mit der „dritten“
Macht halten, mit den imperialistischen Regierungen? Werden sie sich nicht
einmischen? Oder garantieren die sozialdemokratischen Kommis für ihre
Arbeitgeber? Wo aber sind die materiellen Garantien?
3. Die Sowjettruppen müssen aus Georgien
fortgeführt werden. Aber die Westgrenze Georgiens wird vom Schwarzen Meer
umspült. Auf diesem herrschen unumschränkt die Kriegsschiffe der Entente. Die
weißgardistischen Landungstruppen, die von den Schiffen Englands und
Frankreichs ausgesetzt werden, sind der Bevölkerung des Kaukasus zur Genüge
bekannt. Die Sowjettruppen werden fortgehen, die imperialistische Flotte aber
wird bleiben. Für die georgische Bevölkerung wird dies bedeuten, dass sie um
jeden Preis eine Verständigung mit dem wirklichen Herrn der Situation, mit der
Entente, suchen muss. Der georgische Bauer wird sich sagen müssen, dass er zwar
die Sowjetmacht vorzieht, da sie aber aus irgendeinem Grunde (offenbar deshalb,
weil sie schwach ist) gezwungen ist, das Territorium zu räumen, trotz der
ständigen Drohung von Seiten des Imperialismus, so muss er, der georgische
Bauer, Vermittler zwischen sich und diesem Imperialismus suchen. Wollen Sie
etwa auf diese Weise den freien Willen des georgischen Volkes vergewaltigen und
ihm die Menschewiki aufbinden?
4. Oder wird man uns den Vorschlag machen, die
Kriegsschiffe der Entente aus dem Schwarzen Meer fortzuführen? Wer wird es
vorschlagen: die Regierungen der Entente oder Mistress Snowden? Diese Frage
(siehe Punkt 2) ist von gewisser Bedeutung. Wir bitten um Aufklärung!
5. Wohin werden die Kriegsschiffe fortgeführt
werden: ins Marmarameer? Oder ins Mittelmeer? Aber bei der Herrschaft Englands
über die Meerengen ist diese Distanz von keinerlei Bedeutung. Was gibt es da
für einen Ausweg?
6. Vielleicht sollte man die Meerengen mit einem
Schloss verschließen? Und vielleicht gleich auch noch den Schlüssel der Türkei
einhändigen? Denn aus dem Prinzip der nationalen Selbstbestimmung geht
keineswegs hervor, dass Großbritannien über die türkischen Meerengen, über
Konstantinopel, über das Schwarze Meer und dadurch auch über dessen Küsten
herrschen muss, besonders wenn man sich erinnert, dass unsere Schwarzmeerflotte
von den weißen Banditen fortgeführt worden ist und sich in den Händen der
Entente befindet.
Usw.
usw. usw.
Wir haben uns bereit erklärt, die Frage so zu
stellen, wie sie unsere Gegner zu stellen bemüht sind, d. h. in der Ebene der
demokratischen Prinzipien und Garantien. Es hat sich herausgestellt, dass man
uns in der rücksichtslosesten Weise zu betrügen versucht: man verlangt von uns
eine materielle Entwaffnung des Sowjetterritoriums als Garantie gegen
imperialistische und weißgardistische Eroberungen, aber man schlägt uns vor . .
. eine Resolution der Zweiten Internationale.
Oder drohen vielleicht dem Kaukasus keinerlei
imperialistische Gefahren? Hat Mistress Snowden nichts über das Naphtha von
Baku gehört? Möglich, möglich. Wir können ihr in dieser Hinsicht mitteilen,
dass der Weg nach Baku über Batum-Tiflis führt. Dieser letztere Punkt ist der
strategische Brennpunkt Transkaukasiens, was den englischen und französischen
Generälen nicht unbekannt ist. Im Kaukasus bestehen auch gegenwärtig
weißgardistische Verschwörerorganisationen unter dem sehr feierlichen Namen
„Befreiungskomitee“, der sie nicht daran hindert, Geldunterstützungen von
Seiten englischer und russischer Naphthaindustrieller, italienischer
Manganindustrieller usw. zu erhalten. Auf dem Seewege werden den Banden Waffen
zugestellt. Der, Kampf geht um das Naphtha und den Mangan. Den
Naphthaindustriellen ist es ganz gleich, wie sie zu ihrem Naphtha gelangen: ob
durch Denikin, ob durch die mohammedanische Partei Mussawat oder durch die Tore
der „nationalen Selbstbestimmung“ mit den Torwächtern der Zweiten
Internationale. Wenn es Denikin nicht gelungen ist, die Rote Armee zu
zerschlagen, so wird es vielleicht MacDonald gelingen, sie auf friedlichem Wege
fortzuführen? Das Resultat wäre das gleiche.
Aber MacDonald wird es nicht gelingen.
Solche Fragen werden nicht durch Resolutionen der Zweiten Internationale
entschieden, selbst wenn diese Resolutionen auch nicht so traurig,
widerspruchsvoll, diebisch und stammelnd wären wie die Resolution über Georgien.